Freitag, 10. Juli 2009
Alternative Mainstream
Gossip beherrschen ihr Metier
Beth Ditto ist auf dem Weg von der Sängerin zur Modeikone. Aufgrund ihrer Leibesfülle, die sie in auffällige Kleider steckt, ist sie zum originellen Blickfang geworden, dem Kontrastprogramm zu Titelseiten mit den üblichen schlanken Models, die sie zeitweise von diesen verdrängt. Etwas zu glatte Lieder wie Men In Love, 2012 oder For Keeps zeigen, dass Gossip auf den großen Markt schielen. Die Zutaten ihrer Musik sind ohnehin längst im Mainstream angekommen – auf dem Weg zum ganz großen Erfolg sieht man kaum noch Hürden.



Nach langer Wartezeit kommt erst Beth Dittos Stimme zum Intro von Pop Goes The World aus dem Off und dann die Sängerin auf die Bühne – im dunkelblauen Paillettenkleid, mit auffälliger Frisur und rot geschminkten Lippen, wie man sie eher einer Geisha zuordnen würde. Den Willen zum Stil scheint sie von Tina Turner zu haben und sie verströmt auf der Bühne die gleiche Energie wie die schwarze Kollegin. Selbst die wenigen Tanzschritte, die sie bei einem Break aufs Parkett legt, geraten - obwohl eher die Karikatur einer Turnerschen Choreographie - ganz kess und gar nicht peinlich.



Spätestens beim dritten Song ist ohnehin Schluss mit Modepüppchen. Die Frisur ist im Schweissbad völlig zusammengefallen und mitunter sieht die Sängerin mit ihren schwarz umrandeten Augen verstörend aus, ein wenig wie Robert Smith mit kürzeren Haaren. Beth Ditto gibt – nicht unangenehm – die Rampensau, verkörpert ihre Lieder energisch und hat schon nach dem ersten Song das ungeduldige Publikum auf ihrer Seite. Der Mietbassist freut sich zurückhaltend mit ihr, der schlaksige Brace Paine schrammelt scheinbar unbeteiligt an der Gitarre und die zart wirkende Hannah Blilie haut mächtig rein. Sie überlassen die Kommunikation mit dem Publikum ganz der Frontfrau, und diese hat die begeisterte Menge im Griff. Mehr als das übliche Repertoire - ein bisschen Hamburg loben oder sich vor den Monitorboxen stehend einen halben Meter mehr Nähe zu bieten - braucht es dafür nicht.



Dimestore Diamond, Heavy Cross – die Stücke kommen live laut und kraftvoll, sie unterscheiden sich kaum von der Albumversion. Man muss Music For Men nicht oft gehört haben, um die Songs gleich wiederzuerkennen. Das zeigt nicht nur, wie einprägsam einzelne Elemente und Lieder sind, sondern wie nah sich Gossip am Mainstream bewegen. Das Konzept erschöpft sich mit der Zeit, und ewig kann die Lawine nicht rollen. Eine Stunde und drei Zugabe reichen daher völlig – doch diese Zeit ist keineswegs verschwendet.

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