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Sonntag, 7. Juli 2013
Red Baraat –Shruggy Ji
thenoise, 22:51h
Früher sorgte der Kolonialismus für den Kulturaustausch – zum Beispiel indem die Briten die Blasmusik nach Indien brachten. Das veränderte die nordindische Musikkultur, in der es längst üblich sein soll, die Braut am Hochzeitstag auf ihrem Weg zum Haus der Bräutigams mit fröhlich-treibender Blasmusik zu begleiten. Mit ihrer von der Baraat-Zeremonie inspirierten Spielart bringen Red Baarat die Blasmusik auf friedlichem Weg wieder zurück. Und obwohl es weder in ihrer Heimat, noch in Europa einen Mangel an quirligen Blasmusikgruppen gibt, wurde die Musik von Red Baraat begeistert aufgenommen.Wie auf dem erste Album («Chaal Baby», 2012) bringt die achtköpfige Band auch auf «Shruggy Ji» fröhlich-schrille Tanzmusik, die sich mit ausgelassenen Marching-Bands ebenso locker messen kann wie mit furiosen Balkan-Bläsern. Die in New York beheimatete Gruppe um Dhol-Spieler Sunny Jain verschmilzt den vitalen Bhangra-Rhythmus mit Funk, Latin und Jazz, garniert mit ausgelassenen Gesängen und fetzigen Soli.
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Sonntag, 23. Juni 2013
Hossein Mortezaeian Abkenar – Skorpion auf den Stufen des Bahnhofs von Andimeschk
thenoise, 19:29h
Knapp, lakonisch und selbst Erschütterndes wird beiläufig erzählt: Die lange Erzählung von Hossein Mortezaeian Abkenar erinnert in mancherlei Hinsicht an die deutsche Trümmerliteratur. Kein Wunder, wenn der Vater der Texte der Krieg ist. Im Fall des iranischen Autors ist es der achtjährige Krieg, mit dem sich der Irak das von der Revolution geschwächte Nachbarland Iran einverleiben wollte. Hossein Mortezaeian Abkenar, der damals selbst als Soldat an die Front musste, beschreibt in «Skorpion» die schwierige Rückfahrt eines Kriegsheimkehrers. Halluzinierend und den Schikanen der Feldjäger ausgesetzt, die seine Entlassungsurkunde zerreißen, muss Mortesâ Hedâyati fürchten, als Deserteur wieder zurück an die Front geschickt zu werden. Zum Glück findet er immer wieder freundliche Helfer. Vom Kriegsgeschehen völlig verstört wähnt Mortesâ Hedâyati noch immer seinen erschossenen Kameraden bei sich, gibt diesem Befehle und kümmert sich um ihn. Vielem anderem gegenüber ist er wiederum völlig gleichgültig. Selbst als ein anderer Mitfahrer, der neben ihm auf der Fahrt stirbt, vom Lastwagenchauffeur mit einem kurzen Gebet durch die Fahrertür auf die Straße geschubst wird, empfindet er offenbar keine Regung. Der Krieg – so vermittelt der Autor eindringlich und ohne es direkt zu benennen – hat alle abgestumpft, Mortesâ Hedâyati funktioniert wie eine Maschine.
«Skorpion auf den Stufen des Bahnhofs von Andimeschk» ist 2006 erschienen und wurde in der damaligen liberalen Phase sogar mit Preisen ausgezeichnet. Mittlerweile darf die Erzählung nicht mehr neu aufgelegt werden. Der anklagende Impetus, der in ihr steckt, passt nicht zur patriotischen Revolutions-Rhetorik, mit der sich das Regime verstärkt zu legitimieren versucht. Hossein Mortezaeian Abkenar schildert kein heldenhaftes Kriegsgeschehen, sondern stellt den Druck in den Vordergrund, den das eigene Regime ausübt. Er drückt sogar das Mitleid mit den gegnerischen Soldaten aus und überwindet so den nationalen Blickwinkel. Der Iran-Irak-Krieg dient ihm nur als Beispiel, an dem er die Auswirkungen des Krieges zeigt und verdeutlicht, dass dieser zu innerer Repression führt. Verstärkt wird der verstörende Eindruck durch abrupte Wechsel von Erzählung und Selbstgespräch, von Beschreibung und Delirium. Dann bringt der Autor nicht nur abgehackte Sätze, sondern zeigt das auch am Satzbild, indem er kurzerhand auf die Interpunktion verzichtet .
Mit knapper Sprache hat Hossein Mortezaeian Abkenar einen eindringlichen Text über die Folgen des Krieges geschaffen, der nicht nur deswegen aktuell ist, weil in zahlreichen Ländern Krieg geführt wird. Er sollte bei uns Verständnis wecken, weil 25 Jahre nach dem Ende des Iran-Irak-Kriegs wiederum Länder des nahen Ostens Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen sind oder unter deren Folgen leiden. Die Erzählung vermittelt deutlich die seelische Verfassung, in der sich viele Kriegsopfer befinden, die bei uns Schutz suchen.
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Donnerstag, 13. Juni 2013
Blockflöte des Todes - Ich habe heute Ananas gegessen
thenoise, 00:14h
Dreijährige sagen gerne «Scheiße» und andere tagtäglich von Erwachsenen verwendete Begriffe, die zumindest nach Ansicht der Erziehungsberechtigten zumindest für ihren Nachwuchs ziemlich bäh sind. Auch Matthias Schrei gibt sich, wenngleich auf dem Niveau eines Vierzehnjährigen, gerne infantil. Das ist nur manchmal lustig, und auch dann nur wenig. Brachte er auf seinem ersten Album «Wenn Blicke flöten könnten», vergnügliche Nonsens-Texte und Ideen, die einen Song lang trugen, so wirken die Einfälle von Matthias Schrei auf dem neuen Album vor allem eines: bemüht. Das Ableben von Musikern zu thematisieren («Jim Morrison hat uns gelehrt», sing er, «wenn man sterben will ist eine Überdosis nicht verkehrt»), ist durchaus angebracht. Den Tod von einem witzigen Standpunkt aus zu betrachten, ist ebensowenig verkehrt. Doch Reime wie «Was könnte es Schöneres geben, als am Ende seines Lebens / nochmals Drogen zu nehmen und ein Groupie zu ficken und zur Krönung an der eigenen Kotze zu ersticken», laufen als Provokationsversuch ins Leere. Das kann man heute gefahrlos im Radio spielen.Bei solchen Texten macht Matthias Schrei auch nicht wett, dass er fluffig-flotte Popsongs ebenso eloquent bringt wie Rockiges und Easy Listening und bei der Mehrzahl der Songs alle Instrumente selbst eingespielt hat. Das ist vielversprechend – hören wir weiter, wenn er die spätpubertäre Phase abgeschlossen hat.
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Donnerstag, 6. Juni 2013
Tschingis Aitmatow, Juri Rytchëu, Galsan Tschinag – Die Kraft der Schamanen
thenoise, 18:06h
Wenn der Arzt nicht helfen kann, geht man auch in unseren Breitengraden zum Schamanen. Früher hieß er hier Kräuterdoktor, ganz früher Hexe und heutzutage Heilpraktiker. Der spirituelle Anteil seiner Arbeit spielt – anders als in Asien, wo man auch vor einer Reise seinen Haus-Lama oder einen Lama im Kloster aufsucht – hier kaum noch eine Rolle. In dem schmalen Bändchen sind Texte von Tschingis Aitmatow, Juri Rytchëu und Galsan Tschinag versammelt, die einem vergleichbaren Kulturkreis entstammen, in dem der Schamanismus noch lebendig ist. In totalitären Systemen wird Wissen und Wirken von Schamanen als Risikofaktor eingestuft. So wurde ihnen beispielsweise in der Sowjetunion die Berufsausübung verboten. «Die alte Schamanenkultur ist wegen des äußeren Drucks und des Verbots der Rituale in den Untergrund gegangen», erinnert sich etwa Juri Rytchëu, dessen Großvater ein Schamane war und deshalb vom Vorsitzenden eines Revolutionskomittees ermordet wurde. Der Untergrund, so der Autor, «war noch nicht einmal tief»; der Schamanismus konnte leicht im Verborgenen weiterblühen.
Die hier vorgestellten Texte – sie sind bereits erschienenen Werken der drei Autoren entnommen – zeigen unterschiedliche Facetten. Tschingis Aitmatow beschreibt, wie er die Wirkung der schamanischen Kraft als Kind erlebte, Juri Rytchëu erzählt überaus amüsant von der langwierigen und zermürbenden Inauguration des Großvaters zum Schamanen und wie dieser als lebendes Exponat zur Sensation der Weltausstellung in Chicago wurde. Galsan Tschinag, der in Deutschland studierte und Stammesoberhaupt im turksprachigen Tuwa ist, beschreibt seinen eigenen Weg zum Schamanen. Dazu erzählt er von den Erfolgen seiner schamanischen Tante Pürwü, deren Heilkraft auch über hunderte Kilometer hinweg spürbar gewesen sei. Nicht zuletzt berichtet er auch allgemein über Tradition und Bedeutung des Schamanentums.
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Samstag, 1. Juni 2013
Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba – Jama ko
thenoise, 15:42h
Vor einigen Jahren hat Bassekou Kouyaté ein eigentlich simples, aber trotzdem überaus originelles Konzept umgesetzt: ein Ngoni-Ensemble, vergleichbar einem Streichquartett, mit dem er eigene und traditionelle Liedern unterschiedlicher Ethnien interpretiert und damit auf Anhieb internationale Erfolge feierte. Seine Klänge und Kompositionen selbst sind nicht experimentell. Und in einer Zeit, in der selbst auf malischen Dorffesten die Musikanten mit elektrifizierten traditionellen Instrumenten spielen, ist auch Kouyatés Einsatz von Effektgeräten nicht mehr außergewöhnlich.So ist es kaum verwunderlich, dass die interessanteste Weiterentwicklung von Bassekou Kouyaté nicht im musikalischen Bereich liegt. Hier steht er zwar nicht still, variiert aber doch ‘nur’ das bestehende Konzept. Auch die wiederholte Zusammenarbeit mit Taj Mahal, so nett das Ergebnis auch sein mag, führt nur einmal mehr zusammen, was schon öfters zusammengeführt wurde – den Blues und die afrikanische Musik, die von vielen als dessen Ursprung betrachtet wird.
Bemerkenswerter ist daher der persönliche Wandel, den die Ereignisse in Mali hervorgerufen haben. Sie hätten ihn politisiert, berichtet Kouyaté in einem Interview. Das Ergebnis ist hörbar: Er verurteilt den Putsch und hat als Aufruf zu Frieden und Toleranz auf zur «Jama ko» geladen, zur «großen Versammlung». Das Titelstück hat er mit Musikern aller Ethnien und Religionen eingespielt.
Das Album ist von treibenden Stücken geprägt. Kouyaté selbst zeigt sich wieder ungemein virtuos, und neben seiner Frau Amy Sacko singen Zoumana Tereta, Khaira Arby und Kassé Mady Diabaté. Seine Band – mittlerweile sind seine beiden Söhne Mamadou und Moustafa dabei – wird für fast jedes Stück um Gastmusiker erweitert, vor allem um einheimische Balafon- und Ngoni-Virtuosen, aber auch um die kanadischen Folkmusiker Andrew und Brad Barr.
«Jama ko» zeigt, dass man das Rad nicht immer neu erfinden muss, aber in jeder Erfindung Entwicklungspotenzial steckt – Bassekou Kouyaté tüftelt erfolgreich weiter.
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