Freitag, 5. August 2011
Die Welt ist groß genug, ...
«Die Welt ist gross genug, dass wir alle darin Unrecht haben können.»

Arno Schmidt, Zettels Traum

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Freitag, 29. Juli 2011
Business as usual auf dem Lande
Ein Abend auf der Art Bodensee
Das Niveau sei ja schlechter als im Vorjahr, jammert eine Galeristin, während ein anderer meint, es würde sich ja ohnehin nur Mainstream verkaufen. Klar, hier ist Provinz. Aber trotzdem ist die Achse zwischen den gar nicht schlechten Kunstmuseen in Bregenz und Vaduz kein kulturelles Niemandsland. Und an der Art Basel ist das Gefälle von großartig zu unwürdig nicht weniger steil. Nur dass dort der Mainstream grosse Namen trägt und jemanden findet, der das auch bezahlen kann und will. In Dornbin sind die Preise auch für den gehobenen Angestellten bezahlbar - egal, ob er Kunst oder Dekoration sucht.
Die Wertentwicklung mag zwar ungewisser sein, aber man sammelt ja nicht der Rendite wegen (und diejenigen, die es doch tun, finden auch Rainer und Itten und sonstwem). Und während an den wichtigen Messen die guten Stücke schon bei den exklusiven Terminen vor Beginn der Messe weggehen, kann man hier sein Entdeckungen auch dann noch kaufen, wenn die Messe längst läuft.


Astrid Bechtold: E.L.5 (Tulpe), C-Print

Astrid Bechtold ist mit ihren abstrakten Blütenfotografien gleich bei zwei Liechtensteiner Galerien zu entdecken (Galerie am Lindenplatz, Vaduz, und EMB Contemporary Art, Triesen). Von Unschärfe geprägt, werden ihre Aufnahmen zu abstrakten, hellen und luftig-diffusen Landschaften. Dazu passen die gleich nebenan hängenden, grossformatigen Bilder von Peter Lang (Galerie Gärtner, Berlin), der die Landschaft Patagoniens abstrahiert, aber vielleicht besser noch die Bilder von Susanne Lyner, (Galerie Mäder, Basel) die wie Pollok Farbspuren legt, aber nicht nur viel bunter, sondern auch wesentlich feiner. Es entstehen filigrane Gewebe auf weissem Grund, unaufdringlich und doch präsent.
Wem das zu dekorativ ist, der kann sich ja die «Figur» betitelte Figur von Thomas Putze (Galerie Z, Stuttgart) holen, die - ziemlich roh - wie eine von Sand, Temperaturschwankungen und Termitenfraß schon ziemlich mitgenommene afrikanische Skulptur wirkt. Wer es doch niedlicher mag, greift zum Himbeereisschwein, die härteren Gemüter zum Kettenhasen.

Das war noch gar nicht alles, aber an der Vernissage hat man ja auch andere Sorgen als alle Entdeckungen aufzuschreiben. Bussi hier und Bussi da, ach wie schön, auch wieder da? Die Art Bodensee ist überschaubar - zwei luftig belegte Hallen, kein Gedränge. Und Galeristen zwischendurch so herrllich deplaziert überkandidelt, dass sie vor lauter Aufgeregtheit und Naserümpfen gar nicht merken, dass sie ihre Künstler aufdrängen wie ein Strukturvertriebler den Rentenversicherungsabschluss.

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Montag, 11. Juli 2011
22 Pistepirkko - Lime Green Delorean
Sie begannen im gleichen Zeitraum: Anfang der 1980er ging der mittlerweile legendäre Flügeltürer von John De Lorean im nordirischen Dunmurry vom Band. In dieser Zeit starteten 22 Pistepirkko im finnischen Dorf Utajärvi. Die Finnen erlebten zwar auch Krisen, stürzten aber anders als De Loreans Fahrzeugproduktion nicht ab. Sie haben es sich als Außenseiter der Rockmusik gut eingerichtet und gönnen sich jetzt mit ihrem frisch lackierten De Lorean entspanntes Cruisen. Denn im gesetzten Alter lässt man es auch im Sportwagen nur mal hin und wieder krachen.

Der Prolog («Lights By The Highway») stimmt auf die Fahrt ein, die Lichter der Straßenbeleuchtung verblassen auf dem Nachhauseweg, die Sonne steigt langsam auf, langsam schält ich das Grün der Landschaft aus dem verblassenden Grau. Doch romantisch, das vermittelt die Orgel, die sich mit getragenem Duktus in den Vordergrund drängt, endet die Fahrt nicht.
22 Pistepirkko geben sich auf ihrem neuen Album gerne gefällig. Ihre Melodien gehen ins Ohr und vom sanft untermalten «Dream 1987» erzählen sie in behäbiger Märchenonkel-Manier. Das zerbrochene Spielzeug («Broken Toys») besingen sie ebenso fröhlich wie ihre gute Laune («So Happy Today»). Vor allem wenn die Popmelodien im Vordergrund stehen, klingen 22 Pistepirkko angenehm nostalgisch. Dass das Trio jetzt weniger originell und experimentell ist als in seinen frühen Jahren, muss man ihm jedoch nicht übelnehmen. Denn auch bei den nach vorne gehenden Stücken (etwa «Stupid») haben 22 Pistepirkko kleine, reizvolle Widerhaken eingebaut. Bei genauer Betrachtung eröffnen sich auch in augenscheinlich unspektakulären Landschaften liebenswerte Details. Zu brettern wäre dabei kontraproduktiv, aber in einem stilvollen Fahrzeug zu sitzen, erhöht den Genuss.

22 Pistepirkko - Konzertbesprechung

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Sonntag, 10. Juli 2011
Kritisch: Franz Kafka - Der Process
Der Roman, der keiner ist, begründete Kafkas Weltruhm. Er steht längst in verschiedenen Varianten als Hörbuch zur Verfügung. Dass es jetzt eine mehr gibt, ist durchaus sinnvoll. Denn es ist die erste Fassung, die Kafkas nachgelassenem Werk entspricht. Die von Kafka hinterlassenen Textfragmente wurden von Max Brod zum Roman verleimt. An Stellen, die sich nicht fügen wollten, wurde der Nachlassverwalter selbst zum Autor. 1997 legte die im Stroemfeld Verlag erschienene historisch-kritische Ausgabe die Fragmente frei.

Der Hörspielregisseur Klaus Buhlert hat die kritische Ausgabe inszeniert. Ohne vom Autor endgültig autorisierte Fassung stehen Textvarianten gleichberechtigt nebeneinander. Den Interpretationsspielraum nutzt Buhlert, indem er bei einzelnen Passagen verschiedene Sprecher im Wechsel lesen lässt. So erhält der Protagonist Josef K. gleich mehrere Stimmen, und oft wechselt innerhalb einer Erzählpassage die Stimmungslage. Das erfordert aufmerksames Hören, macht aber den Reiz dieser Produktion aus und führt den Hörer auf die Spur der Editoren und der Frage nach der angemessenen Lesart.

Klaus Buhlert hat das Hörstück in hochkarätiger Besetzung (u.a. mit Rufus Beck und Corinna Harfouch) inszeniert. Wie die Quarthefte der kritischen Ausgabe erscheint jeder Text, und sei er nur wenige Minuten lang, auf einer einzelnen CD -- mit einem informativen Beiheft in einer attraktiven Box.

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Montag, 4. Juli 2011
Goethe orientalisch
Kudsi Erguner in der Allerheiligen-Hofkirche in München
Sie ist ein erhabener Ort – fein mit ihrem hoch aufragenden, schmalen Schiff, charaktervoll und kräftig die unverputzten Ziegelmauern: Die Allerheiligen-Hofkirche ist der ideale Raum für die festlich-raffinierte Musik von Kudsi Erguner. Der in Paris lebende türkische Komponist und Ney-Virtuose wandelt auf Goethes Spuren. Nicht nur, weil er Verse aus dem «West-östlichen Divan» des Weimarer Dichters vertont. Wie Goethe mit seiner Gedichtsammlung – der umfangreichsten, den er jemals publizierte – überschreitet Kudsi Erguner die Grenzen. Während Goethe sich, von persischen Dichter Hafez inspiriert, mit seinem «Divan» dem Orient zuwandte, öffnet sich Erguner mit der Zusammenarbeit mit Musikern wie Bill Laswell, dem Hilliard Ensemble, Renaud García-Fons oder Nguyên Lê jene zum Okzident. Seine Öffnung wurzelt tief in der intensiven Beschäftigung mit der ottomanischen Musik und zeigt: Man muss das Eigene nicht aufgeben, wenn man sich das Fremde aneignet. Das ist ein schönes Signal und entspricht der Intention des Veranstalters Cultureflow, der das Konzert initiiert hat.



Die Vermischung der Kulturen zeigt sich schon in der Besetzung: E-Bass, Tuba und Serpent sind ebenso selbstverständlich wie Ud, Kemençe oder das Kanun. Die Arrangements stellen die Harmonie in den Vordergrund und lassen doch auch ein überaus modernes, geschmackvoll-dissonantes Zwischenspiel zu. Doch auch dann fließt die Musik noch, die trotz des fremden Tonsystems oft vertraut klingt. Insbesondere der Gesang verdeutlicht die Charakteristika des orientalischen Tonsystems – und er klingt beim Zwiegespräch, das die beiden Sänger bei einem Stück hoch oben auf der Galerie abhalten, bewegend und erhaben.

Die beiden Sänger – beide Imame Istanbuler Moscheen – intonieren den deutschen Originaltext in meditativen Arabesken. Dass er nicht zu verstehen ist, tut dem Hörvergnügen jedoch keinen Abbruch. Die Schauspielerin Brigitte Hobmeier rezitiert jedes der auch im Programmheft abgedruckten Gedichte zu den ersten Takten.

Schon vor mehreren Jahren hat Kudsi Erguner das Programm «Ghazals - Gedichte aus Goethes Divan» erarbeitet – eindrucksvoll und völlig zeitlos wirkend. Auf Tonträger bislang nicht erschienen, ist das Programm nur live zu hören.

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