Montag, 21. Januar 2013
Norbert Wiedmer/Enrique Ros – El Encuentro – Ein Film für Bandoneon und Cello
Gegensätze ziehen sich an: Anja Lechner, 1961 in Kassel geboren, sucht die musikalischen Begegnungen und arbeitet vor allem mit Partnern aus anderen Ländern. Sie spielt im Tarkovsky Quartet des französischen Pianisten François Couturier, interpretiert in Jerewan Kompositionen des armenischen Komponisten Tigran Mansurjan, spielt mit den Russen Misha Alperin und Arkady Shilkloper und seit einigen Jahren mit dem bald 80-jährigen Argentinier Dino Saluzzi. Der wiederum bewegt sich gerne im vertrauten Kreis und kommt – obwohl er seit vielen Jahren mit Musikern wie dem vor kurzem verstorbenen Schweizer Jazzpianist George Gruntz zusammenspielt – immer wieder an den Ausgangspunkt seiner musikalischen Reise, in die Provinz Salta im Nordwesten Argentiniens, zurück.

«El Encuentro» ist Anja Lechner und Dino Saluzzi gewidmet, die 2007 ihr erstes gemeinsames Album, Ojos Negros, veröffentlicht haben. Die Klänge von Bandoneon, insbesondere dessen tiefe Register, und Cello würden ungemein gut zusammenpassen, sagt Dino Saluzzi im Film – gleich und gleich gesellt sich aller Unterschiede zum Trotz recht gern.
Norbert Wiedmer und Enrique Ros zeigen den jeweils individuellen Hintergrund und auch die gemeinsame Arbeit. Sie folgen den beiden Musikern erst getrennt – etwa Anja Lechner nach Armenien und Dino Saluzzi in die Schweiz –, zeigen erst den persönlichen Werdegang und dann ihre gemeinsamen Arbeit in Argentinien. Der Film zeigt die beiden in Proben und Konzerten mit musikalischen Partnern wie dem Komponisten Tigran Mansurian, oder dem Saxophonisten Dino Saluzzi, er bietet Interviewpassagen und auch private Momente. «El Encuentro» zeigt als konventioneller, aber gut gemachter Dokumentarfilm, wie die beiden so unterschiedlichen Protagonisten ihren gemeinsamen musikalischen Ausdruck finden.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Sonntag, 20. Januar 2013
Stürmisch bis lyrisch
Sophie Hunger im SAL in Schaan (FL)
Ein ungestümes «Rererevolution» zum Auftakt und das niedergeschlagene «Lied vor der Freiheitsstatue» in einer schönen A-cappella-Version am Ende des Sets: Sophie Hunger umspannt den ganzen Bogen der Gefühle und moduliert sie vom Anfang bis zum Ende. Die Songs für diese Stimmungswechsel fände sie auf ihrem aktuellen Album «Danger Of Light», von dem sie neben energiegeladenen Stücken auch besinnliche wie «Can You See Me?» und «Heharun» bringt. Doch sie beschränkt sich nicht darauf, ihr aktuelles Album herunterzuspielen, sondern bringt etwa vom Vorgänger «1983» (2010) das gleichnamige Titelstück und «My Oh My», das noch aus ihren Anfängen mit dem Rockquartett Fisher stammt und das sie schon länger in ihrem Live-Programm hat. «Damals haben wir uns gesagt, dass wir damit weltberühmt werden», erzählt sie in einer ihrer wenigen Ansagen – nur um dann zu zeigen, dass das Lied letztlich doch zu austauschbar für solch überspannte Erwartungen ist.


Nicht ohne meine Nebelmaschine – aber sonst inszeniert sich Sophie Hunger
ganz geschmackvoll.


Aber Sophie Hunger hat schon einiges geschafft. Sie wird international wahrgenommen und durchweg über den grünen Klee gelobt. Doch nicht die mit der euphorischen Berichterstattung verbundene Erwartungshaltung scheint sie zu belasten, sondern eine Erkältung. Dieser ist wohl geschuldet ist, dass Sophie Hunger manchen Ton nicht so lange hält wie erwünscht.


Ungekünstelt: Sophie Hunger kann unerkannt durchs Foyer schlendern und
gibt sich auch auf der Bühne schlicht.


Getragen wird sie auch von ihrer Band aus Multiinstrumentalisten, allen voran Keyboarder Alexis Anérilles, der neben Trompete und Flügelhorn auch mal zum Bass greift, und dem variantenreich und subtil akzentuiert spielenden Alberto Malo am Schlagzeug. Doch auch ihnen gelingt nicht immer der geforderte abrupte Wechsel zwischen druckvoll und poetisch. So wünschte man sich das Flügelhorn in den lyrischen Passagen etwas weniger fest, und dass Sophie Hunger, wenn sie die akustische Gitarre in den Vordergrund rückt, diese wesentlich sauberer spielt und nicht so, als ob sie ihre Gefühle auch noch dem letzten Zuseher im Wembley-Stadion begreiflich machen müsste.
Aber ein paar Wolken machen noch kein schlechtes Wetter und trüben auch kaum das wohlkonzipierte und in seiner geschmackvollen Schlichtheit auch optisch gelungene Programm.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Donnerstag, 17. Januar 2013
The Animan - Hi!
Retroquintett, unbekümmert und erkennbar mit Spaß bei der Sache – nicht mehr als eine soul-rock'n'rollige Partyband, aber immerhin.

Gehört: beim Auberginenschnibbeln

... link (0 Kommentare)   ... comment


Sonntag, 13. Januar 2013
Martina Mettner - Fotografie mit Leidenschaft
Lerne von deinen Vorgängern, aber kopiere sie nicht. Verfolge deinen Weg leidenschaftlich und entwickle deine eigene Bildsprache, ohne auf die Verkäuflichkeit des Ergebnisses zu achten. Wenn du dann noch die richtigen Leute kennst, steht einer erfolgreichen Karriere nichts mehr im Weg.
Die Rezepte, die Martina Mettner angehenden Fotografen auf den Weg gibt, sind mitunter simpel. Aber oft braucht es eben einen Berater, um auf die richtige Spur zu kommen.

Mit ihrem Buch «Fotografie mit Leidenschaft» vermittelt Martina Mettner was es braucht, um als Fotograf erfolgreich zu sein und hilft so jungen Menschen dabei, eine Entscheidung über ihren zukünftigen Lebensweg zu treffen. Ambitionierte Amateure wiederum ermutigt sie, sich vom Knipser, der lediglich das Gesehene abbildet, zum Künstler mit einer eigenen Bildsprache, mit einem eigenen Stil zu entwickeln.
Dazu erläutert sie unterschiedliche Genres und Herangehensweisen anerkannter Fotografen – vom Schnappschuss des Veteranen der Strassenfotografie, Henri Cartier-Bresson, und Chronisten wie Walker Evans und Robert Frank über Porträt- und Landschaftsfotografie am Beispiel von August Sander und Richard Avedon beziehungsweise Guy Tillim und Heinrich Riebesehl.
Indem die Autorin die unterschiedlichen Herangehensweisen und Temperamente der Fotografen beschreibt, zeigt sie auch, dass es nicht zwangsläufig ein «richtig» oder «falsch» gibt. Robert Frank beispielsweise dachte schon von Anfang an in Bildstrecken, und die Vertreter der Straßenfotografie konnten mit den Bildern der «f.64»-Gruppe um Ansel Adams, Edward Weston und Imogen Cunningham nichts anfangen.
Immer wieder analysiert Martina Mettner ausgewählte Bilder und erklärt so Haltung und Herangehensweise von Fotopionieren und was eine Fotografie zum Meisterwerk macht. Ganz wesentlich geht es ihr um die zeitgenössische Fotografie. So erklärt sie anhand eines Bildes von Guy Tillim, was zeitgenössische Landschaftsfotografie ausmacht oder die originelle Herangehensweise von Corey Arnold, die sich aus seiner Arbeit als Berufsfischer ergibt oder der Schauspielerin Margarita Broich, die sich und ihre Kollegen in einem besonderen Moment fotografiert: unmittelbar dann, wenn sie von der Bühne abtreten und – noch gezeichnet von der Arbeit als Schauspieler – in die Garderobe kommen.
Ein wichtiger Teil des Buches sind praktische Tipps zur Realisierung freier Projekte. Hier verdichtet die Autorin noch einmal, was sie dem Leser en passant auf den Weg gegeben hat, gibt weitere Anregungen und warnt vor Fallen und Fehleinschätzungen, in die auch gestandene Fotografen offenbar immer wieder tappen.

«Fotografie mit Leidenschaft» ist nicht nur für Fotografen, die sich auf den Sprung zum Profi sehen, ein hilfreiches Buch. Amateure, denen es nicht mehr reicht, nur «schöne» Landschaftsbilder oder Porträts zu machen, die der Schwiegermutter zu gefallen, finden wertvolle Anregungen. Auch das sagt Martina Mettner deutlich: Nicht jeder, der Talent hat, soll Berufsfotograf werden. Und wer auf den Markt schielt, hat oft schon verloren. Ohnehin, sagt sie anhand historischer Beispiele, macht der Fotograf die beste Arbeit «generell für sich selbst.» Oft ist das der Weg ins Museum – wenn es auch meist nicht gleich das Moma ist.

... link (0 Kommentare)   ... comment


Mittwoch, 9. Januar 2013
Daniel Odija - Auf offener Straße
Schon der Name der Straße, in der Daniel Odijas Romans angesiedelt ist, zeigt, dass nicht alle Versprechungen eingehalten werden. Die ulica Długa, die Lange Straße, ist in Wirklichkeit sehr kurz. Aber sie hält viele Geschichten über die wenigen Bewohner bereit, die der junge polnische Autor in dichten Miniaturen erzählt.
Die wenigen Bewohner sind einander oft in Abneigung zugetan, oder sie ignorieren sich einfach. Keiner hat eine Perspektive. Die jungen Burschen bestreiten ihren Lebensunterhalt durch Diebstähle. Die drei Cebula-Schwestern, die jüngste von ihnen noch minderjährig, prostituieren sich für Praktisches wie Videorekorder und Bügeleisen, welche die Freier von ihren Beutezügen in der nächsten großen Stadt mitbringen. Menschen wie der kuriose Bettler Hobbit, der monatlich so viel Geld einnimmt wie ein Arbeiter an verdient, oder Gustav Chmara, der den Hinterhof begrünt, sind die Ausnahme – und vor allem nicht ohne Schattenseiten. Sobald Chamara seinen Hinterhof herausgeputzt hat, wird er zum Ordnungsfanatiker, der seine Umgebung tyrannisiert. Ohnehin sind Menschen wie Pattex die Regel. Der schnüffelt sich einfach aus dem Elend heraus.
Selbst in ihren Träumen finden sich die Bewohner der ulica Długa im Elend wieder. Hier hat kaum einer eine Perspektive. Ausbruchsversuche, die über den Seitensprung mit der Nachbarin hinausgehen, scheitern. Auch Kanada, den man so nennt, weil er mit einem Stipendium nach Amerika ausgewandert war, kehrte zurück «vielleicht weil er musste und seine Pläne nicht aufgegangen waren, falls er überhaupt welche gehabt hatte, auf jeden Fall begann er zu trinken.»

Daniel Odijas Text ist kein konventioneller Roman, sondern vielmehr eine Ansammlung von kurzen Geschichten, manchmal gar nur von knappen Momentaufnahmen. Odija schreibt äußerst verdichtete Kurzprosa, die reich an Bildern und treffenden Beschreibungen ist. Odijas Blick auf die Protagonisten ist nüchtern und distanziert. Er bemitleidet sie nicht, wertet sie aber auch nicht ab.
Mit bitterem Realismus, deren fotografische Pendants bei den Arbeiten von Robert Frank («The Americans») und Walker Evans («Let Us Now Praise Famous Men») liegen, zeigt Daniel Odija, dass sich für die zeitlos Ausgegrenzten auch durch den Wechsel der Herrschenden die Lebensbedingungen nicht verbessert haben.

... link (0 Kommentare)   ... comment