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Dienstag, 11. Januar 2011
Super Preachers - The Underdog
thenoise, 23:02h
Die Super Preachers verbinden das dreckige Filmmusik-Saxophon der 1960er-Jahre mit Rap und TripHop-Stimmung. Der Franzose François Carles, Kopf der Super Preachers, sampelt Klangschnipsel und integriert poppig-altmodischen Chorgesang. Songs wie "Homme Fatal" wirken wie eine Reminiszenz an den französischen Schlager der 1960er; und das herrlich altmodisch klingende "Do Da Swing" schwingt wie im Titel versprochen. Das ist alles charmant und oft auch angenehm schräg. Die Super Preachers sind dabei meistens zu eigenwillig, um als glatter Pop durchzugehen, und gleichzeitig gefällig genug, um nicht in die allerobskurste Ecke abgeschoben zu werden. Vorreiter wie Beck (Hansen) haben Gleichartiges allerdings schon vor mehr als 15 Jahren gemacht.... link (0 Kommentare) ... comment
Sonntag, 9. Januar 2011
Das Lebensgefühl an der Schnittstelle von Orient und Okzident
Andreas Herzau fotografiert das Leben in Istanbul
Andreas Herzau fotografiert das Leben in Istanbul
thenoise, 22:42h
Seit einigen Jahren zählt Istanbul zu den angesagten Metropolen der Welt. An der Schnittstelle von Orient und Okzident gelegen, bietet es eine lebendige Kunstszene, die Clubkultur, die sich junge Europäer wünschen, und – selbst wenn man im Ausgeh-Viertel Beyoglu keinen Muezzin rufen hört – die notwendige Dosis Exotik. Der türkischstämmige Regisseur Fatih Akin hat mit seinen Filmen „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ sowie dem Musikfilm „Crossing the Bridge“ kräftig dabei mitgeholfen, die Stadt und ihre (Jugend)Kultur bei uns bekannt zu machen. Das grossformatige Buch von Andreas Herzau ist eine Reportage in Bildern. Er fotografiert die Taubenfuttermittelverkäuferin vor der Yeni-Moschee, Menschen beim Warten und im Café, freizügige Werbung auf einem Bus und Gläubige beim Waschen ihrer Füsse vor dem Gebet. Viele Bilder wirken wie beiläufig entstandene Schnappschüsse. Sie sind gelegentlich recht roh, manche haben keinen eindeutigen Schärfebereich. Schwarzweiss-Aufnahmen durchbrechen die überwiegend farbigen Fotos.
Dem Mainzer Fotograf geht es um die Vermittlung von Stimmungen. Er zeigt seine persönliche Sicht der Stadt und nicht die eines Reiseführers. Er bringt viele Alltagsszenen, Menschen in den Strassen oder die aufgereihten Schuhe eines Strassenverkäufers. Seine bei den Streifzügen durch die Stadt entstandenen Bilder benennt er nach Stadtteilen, und nicht etwa nach dem Lokal, in dem er fotografiert hat, nicht nach der abgebildeten Moschee und auch nicht nach der portraitierten Person.
Natürlich kann man sich fragen, warum er nur ein Bild aus dem touristischen Sultanahmet-Viertel bringt, das nicht nur touristische Motive bietet, und wieso er so oft in Eminönü herumgestrichen ist und nicht auch mal Ortaköy, wo früher viele Armenier wohnten. Aber solche, oft von persönlichen Vorlieben geprägten Wünschen muss Andreas Herzau natürlich nicht entsprechen. Er ist seiner eigenen Route, seinem eigenen Spürsinn gefolgt. Und das ist gut so. Denn was zählt, ist, dass er mit seiner Sicht der Stadt ihr Lebensgefühl transportiert. Und das gelingt ihm zweifellos.
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Samstag, 8. Januar 2011
Welthaltige Improvisation, lyrisch und voller Groove
Urumchi im Moods
Urumchi im Moods
thenoise, 23:35h
Das Improvisieren geht ungewollt noch weiter als geplant: Der Cellist Alfred Zimmerlin ist krank und schrumpft das Quartett zum Trio. Würde es nicht selbst verraten, dass es in dieser Konstellation gelegentlich vom Pfad abkommt, es bemerkte wohl niemand. „Das war eigentlich erst die erste Strophe“, erklärt Saadet Türköz überrascht, als das Publikum im Wechsel zwischen zwei Sequenzen applaudiert und so die Musiker zum Ende zwingt. Das gehöre eben auch zur Improvisation, kommentiert Fredy Studer lachend, und man empfehle sich gleich in die Pause. So früh denke ich, obwohl die Zeit dafür durchaus schon gekommen ist. Urumchi lassen offenbar die Zeit vergessen.

Mit kasachisch-türkischen Wurzeln seit vielen Jahren in Zürich: Saadet Türköz.
Das Quartett ist mit dem Schlagzeuger Fredy Studer, dem Akkordeonisten Hans Hassler und Alfred Zimmerlin an Cello und Keyboard mit Schweizer Urgesteinen besetzt, die schon lange die Schweizer Musikszene mitprägen. Sie bieten Innovation aus Tradition, auch wenn das wie der nachgeäffte Werbespruch eines beliebigen Technikunternehmens ist. In unterschiedlichen Besetzungen loten die drei ihre Spielräume aus, bei Urumchi gemeinsam mit der in Istanbul geborenen Sängerin Saadet Türköz.
Diese rezitiert und singt mit eigenwilligem Duktus. Ihr geht es mehr um Klang und weniger um Wohlklang. Ihre eigenwilligen Lautmalereien – die Stimme gelegentlich schmerzhaft reibend – sind nicht unmittelbar nachzuvollziehender Ausdruck. Das den überwiegend in Türkisch gesungenen Texten zugrunde liegende Gefühl ist mitunter kaum zu ergründen.

In allen musikalischen Welten zuhause: Fredy Studer.
Fredy Studer unterlegt die Klängen virtuos, vielfältig und melodisch. Zum poetisch-ruhigen Einstand lässt der Perkussionist Wasser plätschern. Er entlockt dem Gong ein Glissando, indem er ihn in das Wasser taucht. Später drischt er auf ein kleines Becken, das auf der Snare-Drum liegt, oder bespielt das Becken mit einem Cello-Bogen. Virtuos und phantasievoll prägt er über weite Strecken das Konzert. Studer ist nicht der erste, der die Trommeln mit den Händen schlägt. Doch sein Spiel ist absolut originär, und wie er mit Saadet Türköz und Hans Hassler interagiert, ist für mehr als für den Augenblick gemacht (auch wenn man sich weder Stimmung noch Klänge einpacken und mit nach Hause nehmen kann).

Von der Volksmusik zur freien Jazz- und Improszene:Hans Hassler.
Hassler gibt den Solitär. Wie immer in sich versunken, wie abwesend in seiner eigenen Welt, scheint er mit seinen auch bei leisen Stellen oft angestrengt fest zusammengekniffenen Augen für die stimmungsvolle Interaktion kleinen Blickkontakt zu brauchen. Mal liefert er eine unbegreiflich lange Zeit den Bordun-Ton, auf dem die anderen abheben können, später geht er (aber noch immer in sich versunken) beflügelt aus sich heraus -- mit vollem Klang, rhythmisch und, obwohl kaum sperrig, mitunter herrlich vertrackt.
Bei Urumchi ist auch gut aufgehoben, wer vor freiem Jazz Respekt hat. Die Gruppe hebt zwar – im positiven Sinn – gehörig ab, ist aber gleichzeitig geerdet.

Mit kasachisch-türkischen Wurzeln seit vielen Jahren in Zürich: Saadet Türköz.
Das Quartett ist mit dem Schlagzeuger Fredy Studer, dem Akkordeonisten Hans Hassler und Alfred Zimmerlin an Cello und Keyboard mit Schweizer Urgesteinen besetzt, die schon lange die Schweizer Musikszene mitprägen. Sie bieten Innovation aus Tradition, auch wenn das wie der nachgeäffte Werbespruch eines beliebigen Technikunternehmens ist. In unterschiedlichen Besetzungen loten die drei ihre Spielräume aus, bei Urumchi gemeinsam mit der in Istanbul geborenen Sängerin Saadet Türköz.
Diese rezitiert und singt mit eigenwilligem Duktus. Ihr geht es mehr um Klang und weniger um Wohlklang. Ihre eigenwilligen Lautmalereien – die Stimme gelegentlich schmerzhaft reibend – sind nicht unmittelbar nachzuvollziehender Ausdruck. Das den überwiegend in Türkisch gesungenen Texten zugrunde liegende Gefühl ist mitunter kaum zu ergründen.

In allen musikalischen Welten zuhause: Fredy Studer.
Fredy Studer unterlegt die Klängen virtuos, vielfältig und melodisch. Zum poetisch-ruhigen Einstand lässt der Perkussionist Wasser plätschern. Er entlockt dem Gong ein Glissando, indem er ihn in das Wasser taucht. Später drischt er auf ein kleines Becken, das auf der Snare-Drum liegt, oder bespielt das Becken mit einem Cello-Bogen. Virtuos und phantasievoll prägt er über weite Strecken das Konzert. Studer ist nicht der erste, der die Trommeln mit den Händen schlägt. Doch sein Spiel ist absolut originär, und wie er mit Saadet Türköz und Hans Hassler interagiert, ist für mehr als für den Augenblick gemacht (auch wenn man sich weder Stimmung noch Klänge einpacken und mit nach Hause nehmen kann).

Von der Volksmusik zur freien Jazz- und Improszene:Hans Hassler.
Hassler gibt den Solitär. Wie immer in sich versunken, wie abwesend in seiner eigenen Welt, scheint er mit seinen auch bei leisen Stellen oft angestrengt fest zusammengekniffenen Augen für die stimmungsvolle Interaktion kleinen Blickkontakt zu brauchen. Mal liefert er eine unbegreiflich lange Zeit den Bordun-Ton, auf dem die anderen abheben können, später geht er (aber noch immer in sich versunken) beflügelt aus sich heraus -- mit vollem Klang, rhythmisch und, obwohl kaum sperrig, mitunter herrlich vertrackt.
Bei Urumchi ist auch gut aufgehoben, wer vor freiem Jazz Respekt hat. Die Gruppe hebt zwar – im positiven Sinn – gehörig ab, ist aber gleichzeitig geerdet.
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Montag, 13. Dezember 2010
Zerstörung
«Under destruction» im Museum Tinguely
«Under destruction» im Museum Tinguely
thenoise, 00:50h
Den Erziehungsballast abwerfen und agieren wie ein Kind: Künstler wie Paul Klee und Pablo Picasso haben versucht, das Erlernte zu vergessen, um den freien Ausdruck zu erlangen. Auch bei Jean Tinguely, dem Bastler nutzloser und zerstörender Maschinen erkennt man den kindlichen Spieltrieb.

Fender mal anders: Christian Marclay optimiert den Sound der Landstraße.
«Under destruction» stellt einige dekonstruktivistische Gefährten und Nachfolger von Tinguely vor. Roman Signer ist mit dem immer wieder amüsanten Video «Rampe» vertreten, Christian Marclay schleppt eine Gitarre hinter seinem Pickup über Feldweg und Landstraße («Guitar Drag»). Bei Pavel Bücher ist die Herangehensweise interessanter als das Ergebnis. Für seine «Modern Paintings» hat er auf Flohmärkten erworbene Gemälde aus dem RAhmen gelöst und in der Waschmaschine gewaschen, um sie dann im Sinn von Art-Brut-Abstraktionen neue aufzuziehen. Jonathan Schippers «The Slow Inevitable Death of American Muscle» kann man im Netz verfolgen - im Zeitraffer.
Kunst kann lustig sein -- und praktisch: Rechtzeitig vor dem nächsten Umzug begonnen, reduziert destruktive Kunst den Aufwand.

Fender mal anders: Christian Marclay optimiert den Sound der Landstraße.
«Under destruction» stellt einige dekonstruktivistische Gefährten und Nachfolger von Tinguely vor. Roman Signer ist mit dem immer wieder amüsanten Video «Rampe» vertreten, Christian Marclay schleppt eine Gitarre hinter seinem Pickup über Feldweg und Landstraße («Guitar Drag»). Bei Pavel Bücher ist die Herangehensweise interessanter als das Ergebnis. Für seine «Modern Paintings» hat er auf Flohmärkten erworbene Gemälde aus dem RAhmen gelöst und in der Waschmaschine gewaschen, um sie dann im Sinn von Art-Brut-Abstraktionen neue aufzuziehen. Jonathan Schippers «The Slow Inevitable Death of American Muscle» kann man im Netz verfolgen - im Zeitraffer.
Kunst kann lustig sein -- und praktisch: Rechtzeitig vor dem nächsten Umzug begonnen, reduziert destruktive Kunst den Aufwand.
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Freitag, 10. Dezember 2010
Orhan Pamuk - Museum der Unschuld
thenoise, 22:01h
Acht Jahre lang wirbt Kemal um Füsün. Dass sie seine Liebe nicht erhört – nicht erhören kann –, hält ihn nicht davon ab. Mehrmals wöchentlich besucht er ihre Eltern, kommt zum Abendessen und bleibt zum Fernsehen. Er finanziert eine Filmgesellschaft, um seiner Angebeteten zu Schauspielerinnen-Ruhm zu verhelfen. Und vor allem steckt er alles ein, was eine Beziehung zu Füsün haben kann: vom Salzstreuer über den Wackel-Dackel auf dem Fernseher bis hin zu Ohrringen und Zigarettenkippen. Als Füsün beginnt, seine Liebe zu erwidern, dauert das Glück nicht lange. Sie lenkt das Auto gegen einen Baum und stirbt. Kemal richtet mit seinen Füsün-Devotionalien das «Museum der Unschuld» ein und erzählt seine ganze Geschichte – und mehr als das.Orhan Pamuk zeichnet ein Gesellschaftsporträt der Türkei der 1970er-Jahre. Der Nobelpreisträger erzählt weitschweifig und opulent illustrierend von der unerwiderten Liebe und zeigt gleichzeitig die Moralvorstellungen einer Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne.
Auch wenn es für das detailreiche, fast 600 Seiten starke Werk 18 CDs braucht: Es war eine gute Entscheidung, den Roman ungekürzt zu lesen, Ulrich Noethen macht das angemessen bedächtig.
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