Samstag, 8. Mai 2010
My Name Is George - The Bad Old Days Are Over
My Name Is George sehen sich als Live-Band. Daher ist es ihnen vermutlich nicht schwergefallen, sich den Gegebenheiten anzupassen und ihr neues Album, das dritte, zu einem vom Benutzer bestimmbaren Preis zum Herunterladen freizugeben. Nur eine limitierte, von jedem Bandmitglied signierte und mit zwei zusätzlichen Songs ausgestattete Auflage von 500 Stück haben sie brennen lassen.

Ihre Konzerterfahrung meint man auch auf der Konserve auszumachen. Sie spielen nach wie vor überwiegend fetzige, gitarrenorientierte und mit einem kräftigen Schuss Orgel versehene Stücke und haben einen Härtegrad zugelegt. Selbst wenn sie es ein wenig ruhiger angehen - beispielsweise beim Titelstück «The Bad Old Days Are Over», einem vorausschauenden Rückblick auf die von Schwermut getragene Jugendzeit -, bleibt der Klang voll und satt.

Nicht nur dieses Stück erinnert klanglich an die Beat-Zeit, das ganze Album durchzieht ein angenehm nostalgischer Hauch. Die Stücke sind poppig und geschmeidig und «Days Without You» hat gar das Zeug zum generationenübergreifenden Sommerhit.
Die überwiegend prächtig-treibenden Stücke auf «The Bad Old Days Are Over» werden den Ruf des Quintetts - das in diesem Jahr den Gästepreis beim Austrian Newcomer Award erhielt - weiter festigen.

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Sonntag, 2. Mai 2010
Sie können nichts dafür
Das EWHO ist in Vaduz fehl am Platz
Verloren wie im Einkaufszentrum stehen die vier Musiker vor der Touristeninformation. Die Weltausstellung ist eröffnet, und die Liechtensteiner haben nicht nur in Shanghai einen Pavillon errichtet, sondern - er wirkt eher wie ein Vordach - auch in der Fußgängerzone ihrer Hauptgemeinde. Das EWHO ist wohl aufgrund eines Missverständnisses hier: Ihr stampfiges Lied «Vaduz», eines ihrer schlechteren, gefällt hier schon deswegen, weil niemand sonst über diesen Landstrich und seine Bewohner singt.


Jetzt stehen die vier aufgereiht wie Kraftwerk - wenn auch ohne deren Willen zur Selbststilisierung - vor den paar Versprengten, die sich vom nass-kühlen Wetter nicht abhalten lassen. Die meisten sehen nicht aus wie Freunde rustikaler elektronischer Musik und die EWHO-Mitglieder versenken sich lieber in ihre Instrumente und versuchen ert gar nicht, die traurige Anlage in eine Partyzone zu verwandeln. In der Tiefe des Raumes hinter der Bühne laufen auf einem wandhohen Bildschirm Trickfilme - ein rein typographischer zu «Anton», einfach-kraftvolle Strichzeichnungen zu «Ruhe im Zimmer» und ein über Sahnewellen rauschender Banana-Split-Eisbecher zu «Pfirsich Melba». Die Animationen der jungen Künstlerin Claudia Larcher passen gut zur Machart der EWHO-Lieder und sie sind immer wieder so humorvoll wie die Texte des Quartetts, dessen nächster Auftritt hoffentlich so freundliches Ambiente bietet, dass es ein wenig aus sich herausgehen kann.

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Freitag, 30. April 2010
Thomas Hürlimann - Der große Kater
Die Verfilmung des Romans ist trotz seiner hervorragenden Besetzung, etwa mit Bruno Ganz in der Hauptrolle, durchgefallen. Ein Grund mehr, den großartigen Text von Thomas Hürlimann gleich im Original zu entdecken. Das Vergnügen steigt, wenn man ihn von Dieter Mann vorgelesen bekommt.

Pfiff, Chef der Schweizer Sicherheitspolizei, und Kater, der Bundespräsident, sind seit ihrer gemeinsamen Schulzeit im Internat des Klosters Einsiedeln befreundet - doch Pfiff hat mit seinem Freund noch eine Rechnung offen. Dieser hat ihn nicht nur politisch überholt, sondern ihm schon vor vielen Jahren seine Verlobte, die jetzige «Frau Bundesrat» ausgespannt. Erst allmählich offenbart Hürlimann, dass der jovial und gemütlich wirkende Kater auch ein ausgeprägtes Machtbewusstsein besitzt. Deswegen, nicht nur wegen der strapazierenden Schicksalsschläge - sein Jüngster liegt im Sterben - ist seine Ehe offenbar arg zerrüttet. Hürlimann zeigt die letzten Tage im Intrigenspiel um den Bundespräsidenten, der schließlich zurücktritt.

Thomas Hürlimann hat seinen Roman «Der große Kater» trickreich komponiert und mit überraschenden Einfällen ausgestattet, seine präzisen und bildreichen Beschreibungen sind ein Genuss. Ebenso differenziert wie der Autor agiert der Sprecher. Dieter Mann liest mit warmer Stimme und nie nachlassender Präsenz.

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Mittwoch, 28. April 2010
Erstes Wiener Heimorgelorchester - Es wird schön gewesen sein
Die Zusammenarbeit des Ersten Wiener Heimorgelorchesters mit Ronnie Urini ist bezeichnend. Er hat die österreichische NDW-Variante in Gruppen wie Kleenex Aktiv, Willi Warma und Ronnie Urini & die letzten Poeten maßgeblich mitgeprägt, und das gemeinsam mit dem EWHO eingespielte Konrad-Bayer-Gedicht «Niemand hilft mir» ist eines der herausragenden Stücke dieser Zeit.

Die Musik des EWHO hätte auch damals entstanden sein können, in der Hochblüte der Austro-NDW, die von banalen Auswüchsen wie Nena oder Markus weitgehend verschont geblieben ist. Die billigen Heimorgelklänge - das Quartett erzeugt Klänge mit simplen Casio-, Bontempi- und Yamaha-Keyboards, wie sie in vielen Haushalten stehen - wirken zwar anachronistisch, doch gerade weil mittlerweile jede Band ein technisch sauber produziertes Album vorlegen kann, ist das Low-Tech-Konzept des EWHO so aktuell. Und zu dieser Musik macht sich die dadaistische Nonsens-Lyrik ausnehmend gut. «Baa ba ba ba Pfirsich Melba/ Baa-ba-ba-Banana Split/ Heute mache ich es selba/ aba aba bald machst du mit», singen sie fröhlich in «Pfirsich Melba», und in «Uri Geller» reihen sie bekannte Namen um des Reimes willen aneinander. Es gibt aber auch wortwitzig-hintersinnige Texte und aussagekräftige Bilder («Es ist erst Mittwoch/ und es riecht schon nach Fisch», im Lied «Weekend») oder auch 'attwengernde' Miniaturen wie das Stück «Ruhe im Zimmer».

In den Stücken steckt - textlich und musikalisch - wesentlich mehr, als das brachial-dumpfe «Vaduz» vermuten lässt, das dem EWHO derzeit zumindest im Bodenseeraum eine vergleichsweise hohe Aufmerksamkeit beschert.

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Sonntag, 25. April 2010
Wir fangen dann schon mal an
40 Jahre Embryo - ausufernd entspanntes Jubiläumskonzert mit vielen Gästen
Als Embryo-Gründer Christian Burchard in den 1970er-Jahren Stücke mit ungeraden Rhythmen komponierte und statt ausschließlich fetzig-elektrifizierte Musik Vibraphon und Oud als ein akustisches Duo einführte, wurde das nicht nur vom Publikum abgelehnt. Seine exotischen Vorlieben stießen sogar bei seinen Mitmusikern auf Widerstand. Die Zeiten haben sich gründlich geändert. Die Vermischung musikalischer Kulturen ist weitgehend alltäglich, und dass Embryo ihr Jubiläumskonzert zum 40-jährigen Bestehen mit afghanischen Ragas eröffnen, wird begeistert aufgenommen, der helle Klang der afghanischen Laute Rubab begrüsst. Ihre Kombination mit Marimba und Vibraphon ist ebenso selbstverständlich wie der Wechsel zur chinesischen Mundorgel Sheng und der zweisaitigen Erhu.


Heute wie damals: Christian Burchard lässt seinen Musikern
weitgehend Gestaltungsfreiheit


Auf der Bühne herrscht ein beständiges Kommen und Gehen, die Zahl der Mitspieler wächst den ganzen Abend über. «Wir haben keinen Chef», sagt Christian Burchard, der - wen auch nur gelegentlich - immer wieder die Rolle des Bandleaders übernimmt. «Wir fangen schon mal an», verkündet er mehrfach, wenn ein Musiker nicht auffindbar, weil an der Bar ist oder mit seiner Familie plaudert und für den Auftritt erst das Instrument holen muss. Und irgendwann - man hat ihn gar nicht mehr vermisst, weil Christian Burchard furios über die Platten des Vibraphons fegt - ist der Vermisste plötzlich da und sorgt für eine neue Klangfarbe.


Die nächste Generation:
Marja Burchard an Marimba und Keyboards


Das ist sympathisch unorganisiert, verursacht mitunter nicht unangenehme Pausen zwischen den Stücken und sorgt während des Spiels für Überraschungen, wenn sich plötzlich die Bläsergruppe während des Gitarrensolos warm spielt und den Gitarristen langsam in den Hintergrund schiebt. Burchard fordert seine Mitmusiker kaum zu Solos auf. Da kommt es schon vor, dass sich die Band begeistert dem Tutti hingibt und erst nach einigen Takten merkt, dass sich die Gitarre schon zum Soloausflug verabschiedet hat.


Einer der vielen Gäste: Wolfgang Schlick, Vorsitzender
der Münchner Express Brass Band


Embryo & Gäste spielen Eigenkompositionen (auch alte Stücke wie das bereits 1967 mit dem Wal Maldron Quartet eingespielte «Marokko»), afghanische Ragas oder Adaptionen von traditionellen Stücken aus Marokko oder Ägypten. Die altgedienten Musiker halten die Stücke zusammen. Der Nachwuchs - neben Burchards Tochter ein zweiter Gitarrist und Oud-Spieler sowie ein jugendlicher Perkussionist an der Djembé - holt sich keine Meriten und stürzt bei Mal Waldrons «All alone», das ganz offensichtlich den wenigsten Musikern bekannt war, vollends ab. Doch es ist der einzige wirkliche Tiefpunkt auf der riskanten Reise, zu der Embryo ihr Publikum mitnehmen. Beherrscht wird sie von ausgeprägter Spielfreude, virtuosen Improvisationskünstlern und einer entspannten Atmosphäre, wie man sie nur von Marihuana- und LSD-geschwängerten Konzerten der 1960er-Jahre kennt.

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