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Samstag, 11. August 2018
Fatima Dunn – Birds and Bones
thenoise, 19:01h

Wenn man das Stück hört, «Kei Gäld», weiß man längst, dass die irisch-schweizerische Sängerin aus wenig viel machen kann. Es ist der letzte Song auf dem neuen Album der Cellistin und Sängerin, die sich etwas großsprecherisch 'One Women Orchestra' nennt. Für die Mehrstimmigkeit muss Fatima Dunn das Rad nicht neu erfinden, sondern wie andere zuvor ihr Instrument bloß mit Loops vervielfachen und mit kleinen Effekten akzentuieren. Das ist leicht gesagt. Doch mit zupfen, streichen und gelegentlich rhythmisch auf den Korpus klopfen sind ihre Möglichkeiten auch trotz elektronischer Unterstützung beschränkt.
Aber wer braucht mehr, wenn der wahre Reichtum ohnehin die Lieder sind? Die von Fatima Dunn sind anrührend und werden von ihr seelenvoll interpretiert. Sie hat eine anmutige Stimme, die sie für anmutige Melodien auch gerne übereinanderschichtet. Ihre Songs sind von schlichter Schönheit und doch nicht ohne Raffinesse, ruhig und trotzdem eindringlich, und immer wieder auch temperamentvoll, jedoch ganz ohne aufgeregte Pop-Attitüde. Kurz: Sie sind einfach einnehmend und schön – schön geschrieben, schön gesungen und schön arrangiert –, und das, ohne belanglos zu sein. Und wenn man ganz am Ende die in ihrem Wohnort aufgenommenen Gesänge der Stare vor dem Abflug in den Süden hört, denkt man, dass Fatima Dunn mit ihren Liedern gar nicht selbst um die Welt reisen muss. Ziemlich sicher werden die Stare sie von Südeuropa bis Nordwestafrika singen. Anderswohin kann das Album fliegen – und an manche Orte kommt die Sängerin selbst zu Besuch. Das ist wahrscheinlich am schönsten.
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Montag, 6. August 2018
Samba Touré – Wande
thenoise, 10:46h

Trotzdem wirken die neuen Lieder von Samba Touré nicht durchweg so resigniert wie «Mana Yero Koy», in dem er «die ganze Welt im Chaos» sieht und beklagt, dass es «keinen sicheren Platz mehr gibt». Er ergibt sich der Misere nicht apathisch, sondern regt an, erst einmal die persönliche Einstellung zu ändern und zusammenzustehen. Und wie Boubacar Traoré, der malische Chuck Berry, bereits in den 60er-Jahren forderte, ruft auch der um Jahrzehnte jüngere Musiker seine Landsleute dazu auf, das Glück nicht in der Emigration zu suchen, sondern die Heimat mitzugestalten.
Musikalisch steht Samba Touré in der besinnlichen Tradition des Mali-Blues, seine Lieder singt er alle in Songhai. Das extrem zurückhaltende «Wande» erinnert Anfangs an die melancholischen Stücke von Boubacar Traoré, um bald und mit einer psychedelischen Note versehen in die Richtung seines Namensvetters Ali Farka Touré zu driften. Die Basis von «Yerfara» («We are tired») ist ein Lick, das den frühen Stones gut gestanden hätte, und bei «Mana Yero Koy» («Where to go?») zeigt der Gitarrist auf angenehme Weise, dass ihm auch tanzbare Musik nicht fremd ist.
Alle Stücke sind als harmonisches Ganzes arrangiert. Der Gitarrist bleibt prägnant, drängt sich jedoch nie in den Vordergrund, sondern fügt sich in sein stilvoll-gelassen agierendes Ensemble mit traditionellen Instrumenten wie Kalebasse, Ngoni und der einseitigen Geige Sokou ein.
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Mittwoch, 1. August 2018
Susanna Nicchiarelli – Nico, 1988
thenoise, 18:51h

Das Leben von Nico, geboren als Christa Päffgen, Supermodel, Schauspielerin und Musikerin, lässt sich kaum in einen Film packen. Susanna Nicchiarelli (Regie und Drehbuch) gelingt es trotzdem – indem sie es als Roadmovie erzählt, das in den traurigen letzten Jahren spielt. Die Gruppe tourt im Kleinbus durch Europa, Nico zerfressen von Sucht und Sehnsucht nach ihrem Sohn, der nicht nur ebenso drogenabhängig, sondern auch suizidgefährdet ist. Ihr Manager Richard (John Gordon Sinclair) ist in sie verliebt. Doch der landet allenfalls bei seiner Assistentin Laura (Karina Fernandez) – beim „Trostpreis“, wie diese selbst sarkastisch feststellt. Nicos Zuneigung gilt durchweg anderen.
Susanna Nicchiarelli zeigt Nico und ihre Entourage überwiegend auf Tour – Paris, Prag, Nürnberg, Krakau – und in kurzen Episoden in ihrem Zuhause Manchester. Neue Bekanntschaften und Gespräche mit Nicos Manager nutzt sie für Rückblenden, mitunter werden auch kurze Originalaufnahmen mit Nico eingeblendet.
Die Regisseurin zeigt eine Protagonistin, die mit unbändiger Stärke schwach ist. Ihre Nico ist egozentrisch und kompromisslos bis zur Tyrannei. Gleichzeitig ist sie sich ihrer Schwächen und Versäumnisse bewusst, unter denen sie zwar leidet, die sie aber unbeeindruckt akzeptiert und mitunter mit bissigem Sarkasmus kommentiert. Nicht nur die Besetzung der Hauptfigur – Tryne Dyrholm stellt Nico sowohl als Person wie auch in ihrem eigenwilligen Gesangsstil differenziert und überzeugend dar – ist ein Glücksgriff. Susanne Nicchiarelli zeigt bis hin zu vergleichsweise unwichtigen Nebenrollen eine sichere Hand bei der Wahl der Schauspieler. Ebenso gelungen sind viele Szenen und Dialoge. So macht sie aus einem schlichten Konzept einen Film, der sich der geschundenen Ikone respektvoll, aber nicht beschönigend nähert und der selbst dann ausgesprochen sehenswert wäre, wenn Susanne Nicchiarelli die ganze Geschichte nur erfunden hätte.
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Donnerstag, 26. Juli 2018
Jimi Tenor – Order Of Nothingness
thenoise, 23:57h

Dass dies so zwanglos und selbstverständlich klingt, liegt sicherlich nicht nur an seiner eigenen Erfahrung. Jimi Tenor hat vor zehn Jahren ein Album mit Tony Allen eingespielt, dem Erfinder des Afrobeat. Mit Ekow Alabi Savage steht ihm ein Schlagzeuger und Perkussionist aus Ghana zur Seite, und mit dem Schlagzeuger Max Weissenfeldt ein Partner, der mit Embryo ethnische Musikkonzepte erkundet und in Ghana Polyrhythmik gelernt hat. Mit der Gruppe Polyversal Souls fusioniert er afrikanische, karibische und europäische Musiken.
Die drei hatten offenbar Vergnügen und verbreiten großen, aber durchweg gediegenen Spaß. Obwohl ihrer wilden Mischung aus unterschiedlichsten Stilen und Einflüssen überaus kindliche Spielfreude zugrunde zu liegen scheint: In die Niederungen der Schenkelklopfer begeben sie sich nicht. Auch wenn beispielsweise in «Chupa Chups» wieder der an Bierzelt-Bee-Gees erinnernde Falsettgesang kommt und ein Refrain, den auch Frank Farian für Milli Vanilli hätte schreiben können: Mit Jimi Tenors Beiwerk – dem Saxophon, den mit analoger Elektronik aufgenommenen Einsprengseln – wird auch das eine coole Nummer, die sich gut einfügt. Vielleicht hätte Jimi Tenor einfach «Mysterya» nicht an den Anfang stellen sollen. Das jedoch ist – wenn überhaupt – nicht mehr als ein lässliches Vergehen.
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Freitag, 20. Juli 2018
Cristina Branco – Branco
thenoise, 22:10h

Auch wenn man sich für Cristina Brancos Stimme, die geschmackvollen Arrangements und die versierte Begleitung auch ohne Textverständnis begeistern kann, wird das ihrem Gesang und ihren Musikern nicht gerecht. Ursprünglich vom Fado kommend, hat die Portugiesin den portugiesischen Musikstil mit anderen Einflüssen gekreuzt und sich so weiterentwickelt. Gelandet ist sie letztlich bei einer Besetzung, in der das Klavier eine wesentliche Rolle spielt. Der verhalten schmissige und melancholische Duktus ihrer Lieder wie auch der gewitzte Klang der portugiesischen Gitarre wirken wie ein angenehmer Nachhall des Fado. Dadurch und durch die Sprache sind ihre universal klingenden Lieder in Portugal geerdet. Ob deren lyrische Kraft auch der Musik entspricht (und umgekehrt) bleibt leider im Dunklen. Cristina Brancos emotional vorgetragene Lieder zu hören, ohne die Texte nachvollziehen zu können, ist wie Kino ohne Leinwand.
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