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Donnerstag, 17. Mai 2018
Carla Bozulich - Quieter
thenoise, 15:09h
Eindringlich, packend düster, fesselnd.
Gehört: Beim «kurz mal reinhören» hängen geblieben
Gehört: Beim «kurz mal reinhören» hängen geblieben
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Mittwoch, 16. Mai 2018
Michael Hugentobler – Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte
thenoise, 10:26h
Fake-News sind keine neue Erfindung, wie der Schweizer Autor Michael Hugentobler mit seinem Romandebüt zeigt. In "Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte" schreibt er die wahre Geschichte seines Landsmanns Henri Louis Grin neu. Er macht das genauso phantastisch, absurd und erdichtet wie das Original.
Der Ausgangspunkt für Michael Hugentoblers Roman ist die wahre Geschichte eines armen Schweizers: Henri Louis Grin wanderte als sechzehnjähriger nach England aus – als Diener einer durch die Schweiz reisenden britischen Schauspielerin. Später diente er einem Schweizer Bankier in London, bis er als Butler des Gouverneurs von West-Australien mit nach Perth umzog. Er versuchte sich in allen möglichen Bereichen, schlug sich als Kellner, Verkäufer und Porträtmaler durch, versuchte sich als Erfinder und wollte als Perlenfischer ein Vermögen auf dem Meeresgrund finden – er scheiterte immer.
Erst als Geschichtenerzähler vermochte er zu reüssieren. Da war er bereits fünfzig und als Deckschrubber auf einem Dampfschiff wieder zurück nach London gekommen. Allerdings folgte er nicht dem Rat, seine Phantastereien als Roman herauszugeben. Er verkaufte sie lieber als seine eigenen Erlebnisse. Als wollte er Karl May in den Schatten stellen, erzählte er von seinem Leben bei den australischen Aborigines, die ihn zum Häuptling erkoren hätten, er habe Schildkröten geritten und fliegende Wombats gesehen. Er berichtete von Straßen aus Gold in Guinea, und dass er in kürzester Zeit beliebige Sprachen lernen könne. Seine Phantastereien konnte er sogar der Royal Geographical Society präsentieren.
Michael Hugentobler hat aus dieser außergewöhnlichen Lebensgeschichte einen herrlichen Roman gemacht, süffig zu lesen, voller Witz und Ironie. Und am Ende ist man sich nicht mehr sicher, ob man auf seinen Louis nicht doch auch hereinfallen würde.
Bei ihm ist es ein Hans Roth, der 1849 in einem Schweizer Bergdorf geboren wurde, schon aus jugendlicher auswanderte, durch die Welt reiste und sich eines Tages den Namen Louis de Montesanto gab. Er behauptete in Paris aufgewachsen zu sein und erzählt auch sonst jede Menge unglaubwürdiger Geschichten.
Es ist nur folgerichtig, dass Michael Hugentobler der wahre Lügengeschichte seines Landsmanns genauso fantastisch schweifen lässt wie sein Vorbild. Dessen Geschichte erfindet er nicht nur neu. Er spinnt sie weiter, indem er seine Tochter Old Lady Long in einem zweiten Erzählstrang auf die Suche nach dem Grab ihres Vaters schickt und sie in einem mit Efeu überwachsenen Haus auf ihren Bruder treffen lässt, das zweite Kind von Louis de Montesanto.
«Truth is stranger than fiction, but De Rougemont is stranger than both», hat das Wide World Magazine im Juni 1899 über den sensationellen Schwindler geschrieben. Die Wahrheit sei bizarrer als die Fiktion, aber De Rougemont noch seltsamer als beide – das möchte man seinem ehrlichen Nachfahren Michael Hugentobler nicht nachsagen. Aber als Erzähler ist er ebenso fulminant.
Der Ausgangspunkt für Michael Hugentoblers Roman ist die wahre Geschichte eines armen Schweizers: Henri Louis Grin wanderte als sechzehnjähriger nach England aus – als Diener einer durch die Schweiz reisenden britischen Schauspielerin. Später diente er einem Schweizer Bankier in London, bis er als Butler des Gouverneurs von West-Australien mit nach Perth umzog. Er versuchte sich in allen möglichen Bereichen, schlug sich als Kellner, Verkäufer und Porträtmaler durch, versuchte sich als Erfinder und wollte als Perlenfischer ein Vermögen auf dem Meeresgrund finden – er scheiterte immer.
Erst als Geschichtenerzähler vermochte er zu reüssieren. Da war er bereits fünfzig und als Deckschrubber auf einem Dampfschiff wieder zurück nach London gekommen. Allerdings folgte er nicht dem Rat, seine Phantastereien als Roman herauszugeben. Er verkaufte sie lieber als seine eigenen Erlebnisse. Als wollte er Karl May in den Schatten stellen, erzählte er von seinem Leben bei den australischen Aborigines, die ihn zum Häuptling erkoren hätten, er habe Schildkröten geritten und fliegende Wombats gesehen. Er berichtete von Straßen aus Gold in Guinea, und dass er in kürzester Zeit beliebige Sprachen lernen könne. Seine Phantastereien konnte er sogar der Royal Geographical Society präsentieren.
Michael Hugentobler hat aus dieser außergewöhnlichen Lebensgeschichte einen herrlichen Roman gemacht, süffig zu lesen, voller Witz und Ironie. Und am Ende ist man sich nicht mehr sicher, ob man auf seinen Louis nicht doch auch hereinfallen würde.
Bei ihm ist es ein Hans Roth, der 1849 in einem Schweizer Bergdorf geboren wurde, schon aus jugendlicher auswanderte, durch die Welt reiste und sich eines Tages den Namen Louis de Montesanto gab. Er behauptete in Paris aufgewachsen zu sein und erzählt auch sonst jede Menge unglaubwürdiger Geschichten.
Es ist nur folgerichtig, dass Michael Hugentobler der wahre Lügengeschichte seines Landsmanns genauso fantastisch schweifen lässt wie sein Vorbild. Dessen Geschichte erfindet er nicht nur neu. Er spinnt sie weiter, indem er seine Tochter Old Lady Long in einem zweiten Erzählstrang auf die Suche nach dem Grab ihres Vaters schickt und sie in einem mit Efeu überwachsenen Haus auf ihren Bruder treffen lässt, das zweite Kind von Louis de Montesanto.
«Truth is stranger than fiction, but De Rougemont is stranger than both», hat das Wide World Magazine im Juni 1899 über den sensationellen Schwindler geschrieben. Die Wahrheit sei bizarrer als die Fiktion, aber De Rougemont noch seltsamer als beide – das möchte man seinem ehrlichen Nachfahren Michael Hugentobler nicht nachsagen. Aber als Erzähler ist er ebenso fulminant.
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Sonntag, 13. Mai 2018
International Music – Die besten Jahre
thenoise, 11:15h
«Dein Mund ist gerade, deine Lippen sind schief», singen International Music in «Country Girl», ganz so als ob sie damit programmatisch ihren konservativ-geschmeidigen Rock beschreiben wollten, den sie von frohgemut bis düster zelebrieren. Die Musik des Essener Trios ist kein ebenmäßig glattes, durchgestyltes Model, sondern von rauer, unkonventioneller Schönheit. International Music fertigen ein Patchwork aus unterschiedlichen Ingredienzen, bei dem man viele Einflüsse heraushören kann: In «Metallmädchen» klingt Space-Rock an, und bei «Für alles» standen The Jesus and Mary Chain Pate. Den Bass von «Farbiges Licht» haben sich International Music bei Joy Division geliehen, und das in einer dumpfen Kakophonie endende «Mama» erinnert über weite Strecken an Element of Crime. Das ist noch lange nicht so international, wie der Bandname vorgibt, aber doch schon ziemlich welthaltig.Den Rat, den das Essener Trio in «Für alles» einem imaginären Gegenüber gibt – «Stell die Weichen, die Richtung ist egal» –, scheint es selbst zu beherzigen. Die drei nehmen sich, was ihnen gefällt, und stellen sich damit ihren eigenen, coolen Street Style zusammen. Genauso unverfroren gehen sie mit ihren Texten um, die sich mal um reale Bürden wie äußere Zwänge («Cool bleiben») und Verpflichtungen («Du Hund») drehen, natürlich auch um Liebe («Metallmädchen», «Country Girl»), aber auch zweckfreie Stimmungsbilder sein können («Kneipe»). Die Lieder von International Music sind immer wieder verschroben und rätselhaft, albern oder auch schlichtweg nihilistisch – ganz in der Tradition von Dada oder Palais Schaumburg und Andreas Dorau in den 80er-Jahren.
Das alles macht International Music zu einer Band für Nostalgiker, die sich auch an der Moderne erfreuen. Man hört das Gestern, befindet sich im Heute und ist zuversichtlich für die Musik der Zukunft. International Music hat die Begegnung mit ihrer Musik – wiederum in «Country Girl» – gleich in eigene Worte gefasst: «Wie gesagt, du bist elektrisch/wie du siehst, bin ich elektrisiert».
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Montag, 7. Mai 2018
Franui – Ständchen der Dinge
thenoise, 19:54h
Die einen feiern ihren Abschied, die anderen stoßen auf die nächsten 25 Jahre an. Mit ihrem umfangreichen «Ständchen der Dinge», das die Osttiroler Band auf ein Vierteljahrhundert in nahezu unveränderter Besetzung darbringt, stellt sie gleichzeitig die Frage nach der Zukunft: «Geht es immer so weiter?», fragen Franui im Untertitel ihrer Rückschau. Man darf ein beherztes Ja vermuten, die Neugierde auf Kommendes zurückstellen und in dieser Sammlung nach Vergessenem und Übersehenen stöbern.Schon das erste Stück ist symptomatisch für die Herangehensweise von Franui: «Creampuffs from Vienna» aus dem Jahr 2009 beginnt als Trauermarsch und endet auf dem Tanzboden. Das macht die Gruppe gerne, wie sie wenig später bei Schuberts «Trockne Blumen» zeigt. Franui lassen sich von Mahler inspirieren, unterlegen ein Gedicht von Ernst Jandl mit einem Gemisch aus Brahms-Duetten, verquirlen Schubert, Bartok und Ligeti zu einem flatterhaft-huschigen Stück und vertonen Lyrik von Hans Magnus Enzensberger und William Shakespeare, bis einem die Bläser fast zu dominant werden.
Aber so ist es eben mit der Blasmusik. Wenn man das Blech weglässt, ist sie ja auch nichts. Und kaum hat man das gedacht, kommt Franz Schuberts behutsam getragenes «Du bist die Ruh» mit Hackbrett und Kunstpfeifer. Nicht nur daran merkt man, dass die zehnköpfige Gruppe über genügend Personal und Ideen für ein abwechslungsreiches Programm verfügt.
Das letzte Stück des Albums, der gemäß Franui immer als Zugabe gespielte «schönste Trauermarsch», ist auch eine indirekte Antwort auf die Frage, wie es weitergeht. Nämlich mit neuen Ideen – wie dem auf diesem Album nicht berücksichtigten Georg-Kreisler-Projekt – und neuer Musik in altbewährter Verballhornungslust. Und das wird wohl so lange andauern, bis sie selbst einen Trauermarsch gespielt bekommen. Lang sollen sie leben – und spielen.
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Sonntag, 29. April 2018
Imarhan - Temet
thenoise, 22:38h
Sie schießen nicht gerade wie die Pilze aus dem Boden, aber seit zu Beginn des Jahrtausends der Tuareg-Blues durch die medienwirksame Aura von Tinariwen als Freiheitskämpfer geschickt vermarktet wurde, ist die Zahl der Protagonisten stetig gewachsen. Imarhan beginnen feurig wie ein 60er-Jahre-Rocksong, über den sie nach wenigen Takten eine entspannte, für den Tuareg-Blues typische Melodie legen. Der weibliche Hintergrundchor beim zweiten Stück «Tamudre» ist ein weiteres charakteristisches Element, das seine Wirkung nicht verfehlt. Obwohl das Quintett eher auf forcierte Stücke setzt, versteht es sich auch auf sanft-bluesige Töne und einfühlsame Stimmungen – erwartungsgemäß bevorzugt für Liebeslieder wie «Tarha-Nam» und «Zinizjumegh».
Mit den antreibenden Liedern möchten die fünf Musiker nicht nur zum Tanzen animieren. Sie stellen sich damit auch in die kämpferische Tradition ihres noch immer um Selbstbestimmung ringenden Volkes. "Meine Brüder, hört nie auf zu kämpfen", singen sie in «Azzaman», und Kapitulation gilt ihnen als Schande («Tamudre»). Dabei fordern sie, die Schuld für die oft miserable Situation der Tuareg auch bei sich selbst und nicht nur bei anderen zu suchen und rufen zur Einigkeit auf. Denn: «Eine Hand kann niemals alleine applaudieren» («Imuagh»).
Ihre Texte sind – vertraut man der Übersetzung – in einfachen Worten gehalten, aber keineswegs belanglos und oberflächlich. Und obwohl oft sehr eindeutig formuliert, verfügen auch ihre mehrheitlich appellierenden Texte über poetische Passagen.
Auch mit ihrem zweiten Album bringen Imarhan eine rockigere Interpretation des Tuareg-Blues. Das Quintett bietet lässige Gitarrensoli, eloquente Bassläufe und einnehmende Melodielinien und wirkt insgesamt viel freudestrahlender, als die doch oft ernsthaften Texte vermuten lassen.
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