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Donnerstag, 21. Juni 2012
«Eltern sind ...
thenoise, 21:30h
... wie ein sehr helles Licht. Wenn sie sterben, ist das Licht aus, aber du siehst ihre Schatten in dir.»
Philipp Toledano
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Sonntag, 17. Juni 2012
Iman Türkmen – Wir kommen
thenoise, 13:41h
Der Beitrag, den Migranten zu unserem Lebensstandard beisteuern, ist schwer zu erfassen, weil er nur bezifferbar ist und nicht deutlich sichtbar wird. Wie vorstellbar ist beispielsweise die Summe der Arbeitsplätze, die türkische Arbeitgeber in Deutschland geschaffen haben? Alleine in Berlin sollen 8000 türkischstämmige Unternehmer rund 30 000 Mitarbeitende beschäftigen. Rechnet man die Zahl der Beschäftigten auf ganz Deutschland hoch, kommt man auf mehr als 700 000. Selbst wenn es nur die Hälfte ist – die Arbeitslosenstatistik sähe um ohne die Unternehmer mit Migrationshintergrund um einiges trauriger aus. Sie tragen mit ihren Steuern zum Bildungswesen bei und kurbeln mit ihren Ausgaben die Wirtschaft an. Dass das alles nur abstrakt darstellbar ist (oder dargestellt wird), macht es populistischen Vorwürfen umso leichter. Daher ist es umso wichtiger, die Argumente zu sammeln und konzentriert darzustellen. Der österreichische Student Inan Türkmen hat das gemacht – im Stil von Thilo Sarrazin. Er hat die berechtigte Betroffenheit über beständige Diskriminierung nicht überwunden und übergießt in «Wir kommen» den Leser mit pauschalen Vorwürfen. Seine Welt ist in zwei Lager gespalten: die dem Untergang geweihten Europäer und – ganz so als ob es keine anderen Migranten gebe – die Türken als die zukünftigen Herrscher. «Uns gehört die Zukunft», ist der Grundtenor des Buches, das im Sinn des «ihr werdet schon noch sehen» die feindliche Übernahme androht.
Inan Türkmen mag sich mit seinem durchweg schlicht formulierten Text den Frust von der Seele geschrieben haben. Zur Debatte um Migration, Integration und Ausländerfeindlichkeit leistet er damit keinerlei sinnvollen Beitrag. Dass – so meine möglicherweise vorurteilsbehaftete Unterstellung – die hartnäckigen Ausländerfeinde diesen überflüssigen Text nicht lesen werden, ist wohl positiv zu sehen. Offenbar hat auch Ignoranz seine positiven Seiten.
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Samstag, 2. Juni 2012
Die Aeoronauten - Too Big To Fail
thenoise, 21:25h
Die Aeronauten sind wie die Klitschkos und treten eigentlich nur gegen sich selbst an. Kein Wunder, sie fühlen sich omnipotent. Doch selbst wer zu großartig ist um zu fallen, muss (sich) das immer wieder beweisen – besonders im dreißigsten Jahr des Bestehens.Ihre Melodien sind unverschämt eingängig und trotzdem trägt ihr Klang noch immer die rustikale Note, welche die Aeronauten immer schon liebenswert gemacht hat. Dazu sind die Texte von Oliver Maurmann so schräg und originell wie bei keiner zweiten Schweizer Band. Ganz im Sinn, dass auch das Private politisch ist, singt er über den persönlichen Reifeprozess, kommentiert aber auch – ohne es explizit zu benennen – aktuelles Geschehen. So verweist etwa "Too Big To Fail" zwar auf die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise, aber zum primitiven Banken-Bashing, das man bei diesem Titel durchaus erwarten könnte, lassen sie sich nicht herab.
Die oft von einem ironischen Ton geprägten Lieder sind nicht nur textlich humorvoll: «IQ 39» erinnert an einen T-Rex-Heuler, "Das Ende ist nah" zeigt wie man den drohenden Weltuntergang empfangen soll: ausgelassen und mit einem fröhlichen Lied, dessen Chorus in der Art des 60er-Jahre-Pop durchaus hart an der Kitschgrenze schrammen darf. Wie immer bedienen sich die Aeronauten freizügig im Pop-Arsenal vergangener Zeiten, bieten einmal sogar Country- und Dixieland-Anklängen, haben rockige Gitarren und immer wieder fetzige Bläsersätze.
Zum Jubiläum haben sich die Aeronauten ein Doppelalbum gegönnt. Neben zwölf fast durchweg erstklassigen Songs (auch der Ausreißer «Uswanderer» ist zu verkraften) zelebrieren sie ihre Liebe zu B-Movies. 14 Instrumentalstücke, zum Teil mit Dialogen aus Filmen unterlegt, führen in die Welt altmodischer Krimis und Klopper-Filme.
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Samstag, 26. Mai 2012
Spielfreude in Matschepampe
AfroCubism vereinen Erfolg und Niederlage – Konzert im SAL in Schaan (FL)
AfroCubism vereinen Erfolg und Niederlage – Konzert im SAL in Schaan (FL)
thenoise, 11:42h
Besser geht es eigentlich nicht mehr: Auf der Bühne stehen vier der weltbesten Musiker ihres Genres. Der Gitarrist und Sänger Eliades Ochoa, schon seit den 70er-Jahren beim Cuarteto Patria, wurde durch den Buena Vista Social Club weltweit bekannt, Toumani Diabaté wiederum gilt vielen als der weltbeste Kora-Spieler. Bassekou Kouyaté hat nicht nur die Ngoni technisch weiterentwickelt, sondern der malischen Musik eine neue Spielart geschenkt, indem er in seiner Gruppe Ngoni Ba vier in unterschiedlichen Lagen gestimmte Ngonis einsetzt. Der Gitarrist Djelimady Tounkara schliesslich ist ein Haudegen, der schon als junger Gitarrist in das Orchestre National de la République du Mali aufgenommen und dessen Album "Sigui" von Radio BBC 2001 als bestes Weltmusikalbum ausgezeichnet wurde. Unterstützt werden die vier von Mitgliedern aus den Bands von Eliades Ochoa und Bassekou Kouyaté, deren Bühnenpräsenz und Spielfreude durchweg beeindrucken.

Lässig und nonchalant: Eliades Ochoa dirigiert die Truppe wie nebenbei.
Die Gruppe macht schlichtweg mitreissende Musik, bei welcher der kubanische Anteil zwar dominiert, aber sich - zumindest in der Studioeinspielung - äusserst harmonisch mit dem westafrikanischen verbindet. Im Konzert geht es nicht so differenziert zu: Das liegt einerseits am Tontechniker, der vor allem Klangbrei liefert, in dem Toumani Diabatés raffiniert gespielte Kora praktisch völlig untergeht und Eliades Ochoas Gitarre weitgehend schrecklich klingt. Es liegt aber auch an den Musikern: Da klöppelt etwa der Balafon-Spieler Lassana Diabaté das ohnehin kurze Gitarrensolo von Eliades Ochoa munter weg, Djelimady Tounkara spielt sich gelegentlich an den falschen Stellen in den Vordergrund, und Sänger Kasse Mady Diabaté hat immer wieder seine liebe Mühe, von der geballten Ladung seiner energiegeladenen Kollegen nicht weggeblasen zu werden.

An die Wand gespielt: Toumani Diabaté monierte vergeblich die Klangqualität.
Glücklich ist, wer sich von Spielfreude und Lebenslust anstecken lässt, welche die 13-köpfige Gruppe verkörpert und für die sie zu Recht frenetisch bejubelt wird. Wer jedoch ein berauschendes Gesamtkunstwerk erwartet, muss sich mit den immer wieder aufblitzenden Einzelleistungen trösten, mit denen - immerhin - nicht gegeizt wird. Allen voran sind das die Soli von Bassekou Kouyaté und Djelimady Tounkara, dessen klarer und doch warmer Klang den Afropop der Zeit der Unabhängigkeit aufleben lässt. Wer unmittelbar vor Toumani Diabaté steht, kann sich auch an dessem Spiel delektieren. Wer es nicht tut, kann die Aufmerksamkeit auf die immer wieder prickelnden Einwürfe der Band legen oder sich an der ungezwungenen Lässigkeit erfreuen, mit der sich Eliades Ochoa als Patron der Gruppe präsentiert.

Lässig und nonchalant: Eliades Ochoa dirigiert die Truppe wie nebenbei.
Die Gruppe macht schlichtweg mitreissende Musik, bei welcher der kubanische Anteil zwar dominiert, aber sich - zumindest in der Studioeinspielung - äusserst harmonisch mit dem westafrikanischen verbindet. Im Konzert geht es nicht so differenziert zu: Das liegt einerseits am Tontechniker, der vor allem Klangbrei liefert, in dem Toumani Diabatés raffiniert gespielte Kora praktisch völlig untergeht und Eliades Ochoas Gitarre weitgehend schrecklich klingt. Es liegt aber auch an den Musikern: Da klöppelt etwa der Balafon-Spieler Lassana Diabaté das ohnehin kurze Gitarrensolo von Eliades Ochoa munter weg, Djelimady Tounkara spielt sich gelegentlich an den falschen Stellen in den Vordergrund, und Sänger Kasse Mady Diabaté hat immer wieder seine liebe Mühe, von der geballten Ladung seiner energiegeladenen Kollegen nicht weggeblasen zu werden.

An die Wand gespielt: Toumani Diabaté monierte vergeblich die Klangqualität.
Glücklich ist, wer sich von Spielfreude und Lebenslust anstecken lässt, welche die 13-köpfige Gruppe verkörpert und für die sie zu Recht frenetisch bejubelt wird. Wer jedoch ein berauschendes Gesamtkunstwerk erwartet, muss sich mit den immer wieder aufblitzenden Einzelleistungen trösten, mit denen - immerhin - nicht gegeizt wird. Allen voran sind das die Soli von Bassekou Kouyaté und Djelimady Tounkara, dessen klarer und doch warmer Klang den Afropop der Zeit der Unabhängigkeit aufleben lässt. Wer unmittelbar vor Toumani Diabaté steht, kann sich auch an dessem Spiel delektieren. Wer es nicht tut, kann die Aufmerksamkeit auf die immer wieder prickelnden Einwürfe der Band legen oder sich an der ungezwungenen Lässigkeit erfreuen, mit der sich Eliades Ochoa als Patron der Gruppe präsentiert.
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Dienstag, 22. Mai 2012
Erstes Wiener Heimorgelorchester – Ütöpie
thenoise, 22:59h

Sie geben an, keine Vorbilder zu haben und erinnern trotzdem ungemein an den Synthie-Pop der 80er-Jahre. Das mag an den einfachen Instrumenten liegen, die das Erste Wiener Heimorgelorchester (EWHO) seit fast zehn Jahren unverdrossen einsetzt – simple Keyboards für den Hausgebrauch, die jeder auch nur halbwegs ambitionierte Keyboardnovize rundheraus ablehnen würde. Sie erinnern quasi automatisch an die Frühzeit der elektronischen Popmusik. Originalität und Eigenständigkeit hat das Quartett hinlänglich bewiesen, und die Bezüge zur Vergangenheit – wenn sie denn doch gewollt sind – sind nicht epigonal, sondern ironisch gebrochen.
So kann man «Käseleberkäse» mit seinem harten, stupenden Rhythmus als DAF-Persiflage lesen. Nur dass das EWHO nicht mehr provozieren muss und zum Leberkäseessen auffordert. Wobei sie noch einen doppelten Boden eingezogen haben: Aufgrund der Mundart ist es nicht eindeutig, ob es sich um eine Aufforderung handelt oder um eine Feststellung. Gleichzeitig machen sie sich ganz nebenbei über den einzigen Hit der österreichischen Band Opus (1985) lustig: «Live is life», singt das EWHO, «Rotwein rot/ Weißbrot weiß/ tot ist tot».
Als Connaisseure erweisen sich die Wiener durch die Vertonung des absurd-abgründigen Ror-Wolf-Gedichts «Das Nordamerikanische Herumliegen», dessen groteske Komik sie apokalyptisch-düster umsetzen. Diese Vertonung verdeutlicht auch, wo sich das EWHO ansiedeln möchte: bei den Dichtern der literarischen Hochkomik, Robert Gernhard, seinen Kompagnons von der Neuen Frankfurter Schule und ihren Vorläufern wie Christian Morgenstern und Ernst Janda. Das ist keineswegs vermessen. Denn selbst die scheinbar reinen Nonsens-Texte der Gruppe sind hintersinnig. Wenn sie, wie im gleichnamigen Lied, über das Echo singen, verstärken sie dessen Wirkung nicht bloß, sondern verkehren sie ins Gegenteil. Dann zieht sich der Ich-Erzähler des Stücks zwar mit seinem Kamm nur «nachlässig einen Scheitel», doch das Echo wirft ihm ein «eitel eitel eitel eitel» zurück. Und wenn er sich einredet, dass sie nur bei ihm sein wolle «und zwar sofort», entlarvt dies das Echo sofort als Trugschluss und wirft ihm umgehend sein «fort fort fort fort» zurück. Dafür gibt es keine Vorbilder.
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