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Freitag, 19. November 2010
Jede Zeit ...
thenoise, 18:27h
... hat ihre Vor- und Nachteile, und die Zeit, in der wir leben, ist nun einmal die einzige, die wir haben.
Elvis Costello (hier).
Elvis Costello (hier).
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Samstag, 6. November 2010
Stilvoll inszeniert
Mariza im Festspielhaus Bregend (A)
Mariza im Festspielhaus Bregend (A)
thenoise, 13:01h
Sie lächelt verschmitzt und fragt, ob sie für die letzte Zugabe wirklich alle Freiheiten hätte. Zum ersten Mal wirkt Mariza etwas unsicher. Wie ein aufgewecktes Mädchen, das überlegt, ob sie wirklich bringen kann, was sie ausgeheckt hat. «Ok», beendet sie lächelnd den kurzen Dialog mit dem Publikum, «dann sollen die Jungs für euch singen.» Ihre beiden Gitarristen, Diogo Clemente an der klassischen Gitarre und Angelo Freire an der Guitarra Portuguesa, spielen die Überraschten. Sie geben sich irritiert, stellen ihre Beine nebeneinander auf einem Stuhl ganz vorne am Bühnenrand und beginnen nach kurzem Überlegen mit dem Intro zu «O Gente Da Minha Terra». Ihre Instrumente sind unverstärkt, und nach den ersten Takten füllt die Stimme von Mariza das Festspielhaus - auch sie kommt ohne Mikrofon aus.

Herrin jeder Gefühlslage: Mariza
Die gespielte Unsicherheit dieser Szene verdeutlicht, wie konsequent durchinszeniert der Auftritt von Mariza ist. Sachlich und mit ernster Miene instruiert sie während der Verbeugung zwischen den Zugaben ihre Musiker, bevor sie wieder ihr warmes, einnehmendes Lächeln für die Zuschauer aufsetzt. Die wohl bekannteste portugiesische Sängerin der Gegenwart verkörpert ihre Rolle als Sängerin so wie sie in ihren Liedern aufgeht. Sie leidet, wenn sie das melodramatische «Chuva» singt, und bei Stücken wie «Vozes Do Mar» und «Rosa Branca» wirkt sie einnehmend ausgelassen. Sie hat eine wunderbare, ausdrucksstarke Stimme, was man bei jedem Stück merkt und nicht erst bei der A-capella-Zugabe. Immer wieder gibt es Raum für eine kurze unbegleitete Solo-Passage. Mariza bringt die hohe Kunst des Fado und befriedigt die Bedürfnisse des Publikums aus sich herauszugehen und ausgiebig mitzuklatschen. Es folgt ihr wie Teenies die Hände in die Höhe reißen, wenn Tom Kaulitz dazu auffordert.
Mariza und ihre hervorragende Band spielen sich mit warmer Perfektion durch ein gut angelegtes Programm mit wechselweise eindringlich-zurückhaltenden und Stücke voller Lebensfreude abwechseln.

Herrin jeder Gefühlslage: Mariza
Die gespielte Unsicherheit dieser Szene verdeutlicht, wie konsequent durchinszeniert der Auftritt von Mariza ist. Sachlich und mit ernster Miene instruiert sie während der Verbeugung zwischen den Zugaben ihre Musiker, bevor sie wieder ihr warmes, einnehmendes Lächeln für die Zuschauer aufsetzt. Die wohl bekannteste portugiesische Sängerin der Gegenwart verkörpert ihre Rolle als Sängerin so wie sie in ihren Liedern aufgeht. Sie leidet, wenn sie das melodramatische «Chuva» singt, und bei Stücken wie «Vozes Do Mar» und «Rosa Branca» wirkt sie einnehmend ausgelassen. Sie hat eine wunderbare, ausdrucksstarke Stimme, was man bei jedem Stück merkt und nicht erst bei der A-capella-Zugabe. Immer wieder gibt es Raum für eine kurze unbegleitete Solo-Passage. Mariza bringt die hohe Kunst des Fado und befriedigt die Bedürfnisse des Publikums aus sich herauszugehen und ausgiebig mitzuklatschen. Es folgt ihr wie Teenies die Hände in die Höhe reißen, wenn Tom Kaulitz dazu auffordert.
Mariza und ihre hervorragende Band spielen sich mit warmer Perfektion durch ein gut angelegtes Programm mit wechselweise eindringlich-zurückhaltenden und Stücke voller Lebensfreude abwechseln.
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Sonntag, 10. Oktober 2010
The Vaselines - Sex With An X
thenoise, 13:05h
Frances McKee und Eugene Kelly haben das Bett und den Proberaum geteilt. Sie haben ein Platte gemacht und sich danach getrennt. Jetzt sind sie wieder zusammen - zumindest musikalisch gibt das «Sex with an X». Nach dem ersten Album, «Dum-Dum», trennten sich The Vaselines. Das war vor zwanzig Jahren. Danach wurden sie berühmt. Denn Kurt Cobain (Nirvana) coverte ihre Songs und wurde nicht müde, sie als Referenz zu erwähnen. Obwohl Eugene Kelly mit der Nachfolgeband der Vaselines im Schlepptau von Nirvana als deren Vorgruppe auf Welttournee gehen konnte, wollte es mit der Solokarriere offenbar nicht so richtig klappten. 2006 spielten Frances McKee und Eugene Kelly wieder erste gemeinsame Konzerte - sie wollten vor allem ihre jeweiligen Solo-Alben bewerben. Das hat wohl nichts genützt, aber die Beziehung offenbar weiter verbessert: Zwar nicht nach neuen Monaten, aber immerhin nach vier Jahren ist auch ein neues, halbkrachiges Indie-Pop-Album da.
The Vaselines setzen auf eingängige Melodien, die sie mit mal mehr, mal weniger lärmigen Gitarren unterfüttern. Dazu singen sie gerne zweistimmig. So klingen sie einerseits ein bisschen wild und gleichzeitig machen sie hübschen Schmuse-Rock'n'Roll nach Art des Retro-Garage-Schicks der Raveonettes. Die 1960er-Jahre lassen grüssen.
Der wild-energische Auftakt («Ruined») kündigt also nicht das weitere Programm an. Er ist vielmehr das Band zum wilderen Gestern, an dem The Vaselines ihre Hörer in das harmonischere Heute ziehen (das in einem anderen Sinn wieder ganz nach gestern klingt). Auch The Vaselines passen ihren Stil ans Alter an und lassen es etwas weniger krachen. Ihr Stilgefühl haben sie jedoch keineswegs verloren. Die immer wieder twangig und mit viel Tremolo gespielte Gitarre wirkt ebenso nostalgisch wie das an Lee Hazelwood und Nancy Sinatra gemahnenden «question and answer»-Duett «Turn It On». Die Chorusse in «Sex With An X» oder «Such A Fool» wiederum lassen einen gesunden Hang zum Kitsch erkennen.
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Samstag, 9. Oktober 2010
Nah am Stillstand
Mose in der Johanniterkirche, Feldkirch (A)
Mose in der Johanniterkirche, Feldkirch (A)
thenoise, 14:40h
Kaum jemand spielt langsamer als sie, die Lieder von Mose sind von Haus aus nahe am Stillstand. Ihr neues Americana-Album haben sie an einem exklusiven Ort vorgestellt.
Roh ist sie, leer und kalt: Die Johanniterkirche in Feldkirch stammt aus der Zeit der Kreuzzüge. Heute ist die unscheinbare Kirche ein Ausstellungsraum, in denen internationale Künstler wie Jenny Holzer und Kimsooja ausgestellt werden. Zwischen zweien solcher Ausstellungen dürfen Mose ihr sechstes Album präsentieren. Der Kirchenraum selbst ist unbegehbar, das kleine Konzert findet in der Apsis statt, dem hier ungewöhnlich grossen Altarraum.

Drei auf einer Seite: Thomas Keckeis, Markus Marte,
Karl Müllner
Während die Ausstellungen fein eingerichtet werden, bleibt Mose nur die grobe, improvisierte Inszenierung. Ein paar Lampen – eine muss gar durch die geöffnete Tür aus dem Vorraum die Bühne bestrahlen – müssen genügen. Ein auf dem Boden liegender Scheinwerfer strahlt durch das leere Kirchenschiff und taucht die Wand in leicht gespenstisch anmutendes, gelbes Licht. Für die Atmosphäre muss vor allem die Musik sorgen. Nicht nur das gespenstische «Date With Elvis» passt in dieses Ambiente, auch einige andere lassen mit ihrer Schwermut zur Kälte die Feuchtigkeit hochkriechen.
Mit – wechselweise eingesetzt – Banjo, Akkordeon, Casio-Minikeyboard und Xylophon, setzen Mose subtile Akzente. Obwohl stilistisch vergleichbar, wechseln sich die Musiker am Mikrofon ab. Über weite Strecken verzichten sie völlig auf den Gesang, mitunter zerfasert dann das Konzert, und der Spannungsbogen fällt ab. Das Quartett nimmt ihn jedoch immer wieder mit akzentuierten («Les Yeux») bis kantig-lauten Stücken («Sodumir», «Flisch») auf. Meist steht dann Thomas Kuschnys reduziert-prägnantes Gitarrespiel im Vordergrund. Das tut immer wieder gut. Mit der letzten Zugabe erinnern Mose schliesslich daran, dass man solcherart Abwechslung gelegentlich vermisst hat: Das verhältnismässig flotte «Nuke» mit seinem angenehmen Alternative-Country-Touch ist das einzige Stück, zu dem man, wäre es gewollt, sogar hätte tanzen können. Aber das, andererseits, passt dann doch nicht – nicht zu Mose, und schon gar nicht in eine Kirche mit dieser Geschichte.
Prägnant auf der anderen Seite: Thomas Kuschny (Bild 2)
Roh ist sie, leer und kalt: Die Johanniterkirche in Feldkirch stammt aus der Zeit der Kreuzzüge. Heute ist die unscheinbare Kirche ein Ausstellungsraum, in denen internationale Künstler wie Jenny Holzer und Kimsooja ausgestellt werden. Zwischen zweien solcher Ausstellungen dürfen Mose ihr sechstes Album präsentieren. Der Kirchenraum selbst ist unbegehbar, das kleine Konzert findet in der Apsis statt, dem hier ungewöhnlich grossen Altarraum.

Drei auf einer Seite: Thomas Keckeis, Markus Marte,
Karl Müllner
Während die Ausstellungen fein eingerichtet werden, bleibt Mose nur die grobe, improvisierte Inszenierung. Ein paar Lampen – eine muss gar durch die geöffnete Tür aus dem Vorraum die Bühne bestrahlen – müssen genügen. Ein auf dem Boden liegender Scheinwerfer strahlt durch das leere Kirchenschiff und taucht die Wand in leicht gespenstisch anmutendes, gelbes Licht. Für die Atmosphäre muss vor allem die Musik sorgen. Nicht nur das gespenstische «Date With Elvis» passt in dieses Ambiente, auch einige andere lassen mit ihrer Schwermut zur Kälte die Feuchtigkeit hochkriechen.
Mit – wechselweise eingesetzt – Banjo, Akkordeon, Casio-Minikeyboard und Xylophon, setzen Mose subtile Akzente. Obwohl stilistisch vergleichbar, wechseln sich die Musiker am Mikrofon ab. Über weite Strecken verzichten sie völlig auf den Gesang, mitunter zerfasert dann das Konzert, und der Spannungsbogen fällt ab. Das Quartett nimmt ihn jedoch immer wieder mit akzentuierten («Les Yeux») bis kantig-lauten Stücken («Sodumir», «Flisch») auf. Meist steht dann Thomas Kuschnys reduziert-prägnantes Gitarrespiel im Vordergrund. Das tut immer wieder gut. Mit der letzten Zugabe erinnern Mose schliesslich daran, dass man solcherart Abwechslung gelegentlich vermisst hat: Das verhältnismässig flotte «Nuke» mit seinem angenehmen Alternative-Country-Touch ist das einzige Stück, zu dem man, wäre es gewollt, sogar hätte tanzen können. Aber das, andererseits, passt dann doch nicht – nicht zu Mose, und schon gar nicht in eine Kirche mit dieser Geschichte.Prägnant auf der anderen Seite: Thomas Kuschny (Bild 2)
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Sonntag, 3. Oktober 2010
Am Ende großes Kino
Nach einer Aufwärmphase mit einzelnen guten Songs schliessen Nufa ihr Konzert in Dornbirn großartig ab
Nach einer Aufwärmphase mit einzelnen guten Songs schliessen Nufa ihr Konzert in Dornbirn großartig ab
thenoise, 13:13h
Ihr Rezept könnte man simpel nennen. Denn schon lange vor Nufa haben Bands sanfte Musik mit Störgeräuschen gebrochen, liebliche Melodien mit wilden Ausbrüchen konterkariert und die Lärmorgien wiederum im Nichts ausklingen lassen. Nufa überraschen trotzdem schon nach wenigen Minuten: Das abrupte Ende des ersten Stückes wirkt wie ein Überfall. Gefahr eine Massenpanik besteht nicht - nur wenige interessieren sich für das Konzert, das nach einer kleinen Durststrecke großartig enden wird.

Alltägliche Beobachtungen im eigenen Duktus: Nufa-Sänger Jacob Schneikart.
Im ersten Teil des Auftritts gelingt es der Gruppe noch nicht, ihre Stücke harmonisch zu verbinden. Sie bleiben Solitäre, einige davon immerhin wirklich gute. Aber gegen Ende beginnen Nufa doch noch mit dem großen Kino. Auf ein grooviges Instrumenal-Stück folgen «Du denkst», eines der besten Stücke des neuen Albums «Das Wetter ist schön heute», sowie das bedrückende «Vor einem Monat» und sorgen für einen hervorragenden Abschluss.
Jacob Schneikart ist zwar kein hervorragender Sänger, was insbesondere in den ruhigen Passagen nicht zu verbergen ist. Doch es gibt genügend ausdrucksstarke Beispiele dafür, dass das kein Manko sein muss -- von Hildegard Knef bis zu Element-of-Crime-Sänger Sven Regener. Und Jacob Schneikart hat seinen eigenen, eigenwilligen Duktus gefunden, der hervorragend zu seinen Texten passt.
In «Du denkst» verkörpert er zudem geradezu die Schüchternheit, mit welcher der Ich-Erzähler des Textes einer Frau sagt, was er an ihr mag. Und in «Vor einem Monat» erzählt er in knappen Worten von den regelmäßigen Sonntagsausflügen zur Großmutter, deren Routine erst leerer wird, weil das Enkelkind das Interesse verliert und später, weil die Großmutter immer schwächer wird. «Es gab Lasagne», singt er vom letzten Besuch, «früher gab es Braten.» Das Leben wird beschwerlicher, die Gerichte einfacher. Man kann das Ende eben nicht aufhalten, nur dabei zusehen, wie es langsam kommt und gute Miene dazu machen. Und nach dem Essen schaut man die Bilder vom 82. Geburtstag an, der vor einem Monat gefeiert wurde - vielleicht wird es der letzte sein, denkt man unwillkürlich, während die Band das Stück weiter treibt, dringlich und trocken.
Jacob Schneikart verwendet für seine Texte alltägliche Begebenheiten und zeichnet mit einfachen Bildern emotionale Situationen. Gerade ein Text wie «Vor einem Monat» erwartet man nicht von einem Anfangszwanziger. Auch auf die Musik müssen andere viel länger hinarbeiten als das deutsche Quintett, das in den romantisch-feinfühligen Bereichen niemals kitschig wird und seine Ausbrüchen in geschmackvoll-kultivierter Wildheit vollzieht.

Alltägliche Beobachtungen im eigenen Duktus: Nufa-Sänger Jacob Schneikart.
Im ersten Teil des Auftritts gelingt es der Gruppe noch nicht, ihre Stücke harmonisch zu verbinden. Sie bleiben Solitäre, einige davon immerhin wirklich gute. Aber gegen Ende beginnen Nufa doch noch mit dem großen Kino. Auf ein grooviges Instrumenal-Stück folgen «Du denkst», eines der besten Stücke des neuen Albums «Das Wetter ist schön heute», sowie das bedrückende «Vor einem Monat» und sorgen für einen hervorragenden Abschluss.
Jacob Schneikart ist zwar kein hervorragender Sänger, was insbesondere in den ruhigen Passagen nicht zu verbergen ist. Doch es gibt genügend ausdrucksstarke Beispiele dafür, dass das kein Manko sein muss -- von Hildegard Knef bis zu Element-of-Crime-Sänger Sven Regener. Und Jacob Schneikart hat seinen eigenen, eigenwilligen Duktus gefunden, der hervorragend zu seinen Texten passt.
In «Du denkst» verkörpert er zudem geradezu die Schüchternheit, mit welcher der Ich-Erzähler des Textes einer Frau sagt, was er an ihr mag. Und in «Vor einem Monat» erzählt er in knappen Worten von den regelmäßigen Sonntagsausflügen zur Großmutter, deren Routine erst leerer wird, weil das Enkelkind das Interesse verliert und später, weil die Großmutter immer schwächer wird. «Es gab Lasagne», singt er vom letzten Besuch, «früher gab es Braten.» Das Leben wird beschwerlicher, die Gerichte einfacher. Man kann das Ende eben nicht aufhalten, nur dabei zusehen, wie es langsam kommt und gute Miene dazu machen. Und nach dem Essen schaut man die Bilder vom 82. Geburtstag an, der vor einem Monat gefeiert wurde - vielleicht wird es der letzte sein, denkt man unwillkürlich, während die Band das Stück weiter treibt, dringlich und trocken.
Jacob Schneikart verwendet für seine Texte alltägliche Begebenheiten und zeichnet mit einfachen Bildern emotionale Situationen. Gerade ein Text wie «Vor einem Monat» erwartet man nicht von einem Anfangszwanziger. Auch auf die Musik müssen andere viel länger hinarbeiten als das deutsche Quintett, das in den romantisch-feinfühligen Bereichen niemals kitschig wird und seine Ausbrüchen in geschmackvoll-kultivierter Wildheit vollzieht.
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