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Samstag, 2. Oktober 2010
Paul Auster - Unsichtbar
thenoise, 15:19h
Paul Auster hat einen verwirrend konstruierten Roman geschrieben - und trotzdem sind die Handlungsstränge so klar, dass man ihnen auch im Hörbuch problemlos folgen kann. Im Zentrum steht die Geschichte von Adam Walker, die man aber nur vermeintlich von ihm direkt erzählt bekommt. Im Laufe des Buches stellt sich heraus, dass Adam Walker die Erlebnisse seiner Studentenzeit aufgeschrieben hat, die zum Teil wieder jemand anderes erzählt. Auster thematisiert mit seiner Geschichte vor allem die Themen Schuld und Gewalt und würfelt dafür auch Genres - Biographie, Krimi, Agentenroman - munter durcheinander.Der 2009 erschienene Roman des US-amerikanischen Schriftstellers bleibt durchweg spannend, auch wenn die eingebaute kalkulierte Provokation, eine Inzest-Geschichte, heute kaum mehr jemanden empören wird. Es sind die überraschenden Wendungen, die in den Bann ziehen, und auch die raffinierte Konstruktion des von Burkhard Klaußner hervorragend gelesenen Romans.
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Samstag, 11. September 2010
Henry Leutwyler - Michael Jackson
thenoise, 17:34h
«Ich wollte eine andere Seite von Michael Jackson zeigen. Ich wollte ihn wieder auf den Boden bringen und den Mann zeigen, der er war. Einer, der Schweiß- und Makeup-Spuren auf seiner Wäsche hinterlässt», sagte der People-Fotograf Henry Leutwyler zu seinen Bildern. Dafür hat er Gegenstände des Künstlers abgebildet, die in einer Auktion versteigert werden sollten: den legendären weißen Handschuh, Kostüme, eine abgegriffene, alte Peter-Pan-Ausgabe, Putten und Nippes. Leutwyler, eigentlich People-Fotograf, wählte für die Sachaufnahmen eher unbewusst einen schwarzen Hintergrund, der die Farben noch mehr strahlen lässt.Die 'unglaubliche Traurigkeit' ausstrahlenden 'Artefakte einer verlorenen Jugend' würden mehr über die Person des Musikers aussagen als ein Porträt von ihm, behauptet der Schweizer Fotograf. Das mag weit hergeholt sein, denn die Bilder sind letztlich Sachaufnahmen, wie man sie in jedem Auktionskatalog finden kann. Auch die von Leutwyler fotografierten Gegenstände waren für eine Auktion bestimmt. Michael Jackson konnte sie mit dem Vorschuss für die in London angekündigten Konzerte wieder auslösen. Die Interpretation des Schweizer Fotografen - «Für ihn war das wohl so, als ob er seine Jugend und Kindheit zum zweiten Mal verloren hatte» - klingt nur bedingt stimmig. Denn zumeist sind Bühnenkleidung und Accessoires abgebildet und nicht Gegenstände aus Jacksons Jugendzeit.
Doch egal, wie man die Ergebnisse interpretiert: Henry Leutwyler bietet mit seinen makellosen Bildern einen ungewöhnlichen Zugang zur Person Michael Jackson. Der Rest ist Interpretation.
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Montag, 6. September 2010
Beat Sterchi - Blösch
Ein voluminöser Roman vom Land, gelesen in Kneipe, Kuhstall und Schlachthof
Ein voluminöser Roman vom Land, gelesen in Kneipe, Kuhstall und Schlachthof
thenoise, 22:39h
«Blösch» zählt zu den wichtigsten Schweizer Gegenwartsromanen. Vordergründig ist der 1983 erschienene Erstling von Beat Sterchi die Geschichte des spanischen Fremdarbeiters Ambrosio, der Frau und Kinder in Coruna zurückgelassen hat, um im wohlhabenden Land Geld für ihr Überleben zu verdienen. Tatsächlich zeichnet Sterchi anhand der Entwicklung verschiedener Personen ein realistisches Stimmungsbild der ländlichen Schweiz in den 1960er-Jahren und gibt gleichzeitig einen emotionslosen Einblick in die Veränderung der Landwirtschaft. Er zeigt, wie die Anfeindungen gegen den Fremdarbeiter den Knuchelbauer dazu bringen, sich von diesem zu trennen und sich der fortschreitenden Industrialisierung zu unterwerfen. Ambrosio, für den er eine Anstellung im Schlachthof findet, zerbricht an Arbeit und Umfeld - und erleidet damit letztlich das gleiche Schicksal wie die Einheimischen.«Sterchis Blösch fährt in unsere dünnblütige Literaturwelt hinein wie einst Die Blechtrommel in die wechselnden Realismen der Nachkriegsliteratur», urteilte der renommierte Publizist Heinz Ludwig Arnold im Spiegel.
Das 18-stündige Hörbuch ist trotz handwerklicher Mängel - man hört immer wieder mal ein Schmatzen oder eine verschluckte Silbe - ein Vergnügen. Sebastian Mattmüller hat den Text an 'Originalschauplätzen' gelesen, im Kuhstall, auf der Weide, im Schlachthof. Das sorgt, wenn auch nicht so zielgerichtet wie bei einem Hörspiel, für eine originelle Geräuschkulisse und Lokalkolorit. Mattmüller, eigentlich Sänger, fehlt zwar offensichtlich die (Vor-)Leseerfahrung, daher bringt er die unterschiedlichen Charaktere nicht immer differenziert genug. Aber das macht er durch die durchweg zu spürende Begeisterung für den Text weitgehend wett.
«Blösch» - das Hörbuch kommt als MP3-Datei auf zwei CDs - ist ein großartiger Roman. Nachdem er jetzt als Hörbuch da ist, fragt man sich, warum es so lange gedauert hat. Vermutlich, weil der Originalverlag die Verbreitung im gesamten deutschsprachigen Raum - und das ist sicher berechtigt - als sehr gering ansieht. Umso höher ist das Engagement eines kleinen Verlags für dieses überaus ambitionierte Hörbuchprojekt zu schätzen.
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Freitag, 27. August 2010
Joseph von Westphalen - Wie man mit Jazz die Herzen der Frauen gewinnt
thenoise, 23:18h
Vor mehr als zehn Jahren erschien unter dem so kuriosen wie anziehendem Titel «Wie man mit Jazz die Herzen der Frauen gewinnt» eine exqusite Zusammenstellung der unterschiedlichsten Jazz-Stücke von den 1920er- bis zu den 1940er-Jahren. Der Autor und Jazzfan Joseph von Westphalen holte dabei nicht nur die besten Stücke aus seinem Fundus, sondern brachte die Stücke in Verbindung zu seinen Duckwitz-Romanen, deren Protagonist Harry von Duckwitz bekanntermassen ein ausgewiesener Jazzfan ist. Mit den ausführlichen Begleittexten leistete er sich eine zusätzliche Schelmerei, die - wenngleich sie nicht notwendig gewesen wäre - den Enthusiasmus zeigt, mit dem von Westphalen die Sammlung zusammengestellt hat und wie viel Herblut er mit dieser Musik verbindet. Es war grossartig. Und auf die ersten Zusammenstellung mit vier CDs folgten zwei weitere, nicht minder hervorragende, «'Mehr Jazz!', sagten die Frauen» und «Jazz macht Frauen Beine».
Dass die mittlerweile vergriffenen Sets als Sonderausgabe neu aufgelegt wurden, ist erfreulich. Sieben Alben in einer schmucken Schachtel. Sieben, weil auf eine CD mit Texten verzichtet wurde. Das ist nicht tragisch. Ärgerlich ist jedoch, dass die versprochene Bonus-CD mit zwanzig neu entdeckten Songs fehlt - mit der fadenscheinigen Ausrede, Westphalens Zusammenstellungen hätten es «zu einem gewissen Klassikerstatus gebracht, und etwas Klassisches muss man belassen wie es ist.»
So taugt das Set für diejenigen, die es nicht kennen - die anderen können es verschenken, selbst aber gehen sie leer aus.
Dass die mittlerweile vergriffenen Sets als Sonderausgabe neu aufgelegt wurden, ist erfreulich. Sieben Alben in einer schmucken Schachtel. Sieben, weil auf eine CD mit Texten verzichtet wurde. Das ist nicht tragisch. Ärgerlich ist jedoch, dass die versprochene Bonus-CD mit zwanzig neu entdeckten Songs fehlt - mit der fadenscheinigen Ausrede, Westphalens Zusammenstellungen hätten es «zu einem gewissen Klassikerstatus gebracht, und etwas Klassisches muss man belassen wie es ist.»
So taugt das Set für diejenigen, die es nicht kennen - die anderen können es verschenken, selbst aber gehen sie leer aus.
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Sonntag, 22. August 2010
Joachim Geil - Heimaturlaub
thenoise, 11:17h
Es könnte so schön sein: eine Woche Urlaub im idyllischen Schwarzwald, bei der Großmutter, den Freunden – und vor allem bei Heidi, in die Dieter Thomas schon lange verliebt ist. Diese Woche wird er nutzen, um sie für sich zu gewinnen. Da ist er – trotz aller Nervosität – recht sicher, der schneidige, sympathische Leutnant, der auch im Heimaturlaub nur absolut korrekt gekleidet mit bis zum obersten Knopf geschlossener Uniformjacke auf die Strasse geht.
Seine Verletzung aus dem Russlandfeldzug sieht man ihm nicht mehr an. Zwischen Lazarett und Rückkehr an die Front verbringt er sieben flirrend heisse Sommertage. Tage der Liebe sollen es werden. Tage am Abgrund erwarten ihn. Und das liegt nicht an Heidi, die seine Liebe erwidert.
Es sind die Kriegserinnerungen, die seine Erlebnisse überlagern. Und es ist die sonderbare Form des Sterbens, die ihn Zuhause erwartet. Das Haus ist still, die Stimmung gedrückt. Während an der Front der Tod rasch und überraschend kommt, liegt hier das Warten auf das Sterben des Grossvaters bedrückend in der Luft. Vielleicht lebt dieser nur noch, um seinem Enkel eine letzte Botschaft zu überbringen: dass der Krieg falsch ist, angezettelt von einem Satan, dem der Leutnant jetzt dient.
Langsam, mit der Gewissheit, dass der Schmerz es von ihr verlangt, langsam zu sein, doch auch aus Erschöpfung, setzt die Grossmutter Löffel für Löffel an den Mund. Die Suppe ist dünn, aber die Kartoffeln sind zu schmecken.
Prima, sagt Dieter und lächelt Tante Emmy an, als sie ihm einen Nachschlag gibt. Die Grossmutter schweigt, und auch Dieter wagt es nicht, mit der Bemerkung herauszuplatzen, dass die Bahnfahrt ohne Verspätung vonstatten gegangen sei und der Anschluss in Winden direkt geklappt habe. Die Strenge, mit der Großmutters Kleid am Hals bis zum Kinn geschlossen ist, lässt Dieter an seine Uniform denken, deren obersten Knopf er noch immer nicht geöffnet hat. Die auf der Verandamauer stehenden Blumen duften still und dumpf, und es liegt etwas in der Luft, was er in ganz anderer Form tagtäglich in Einzelteilen und aufgerissenen Mündern voller Energie oder als beiläufiges Umkippen und Vornüberfallen, Zurseitesacken, Liegenbleiben im Zischen und Pfeifen oder als rückkehrloses Fernbleiben registriert hat. Es liegt der Tod in der Luft, mit einer Schwere, die Dieter nicht kennt, die er sich nicht vorstellen kann, nicht vorstellen will, denn was ist so Besonderes an ihm? Dieter sieht die in die Suppe blickende Grossmutter an und merkt, dass hier anders gestorben wird. Der Tod hat hier etwas Getragenes und Besonderes, hier wird ein Tod gestorben, der sich ankündigt und alle in seinen Bann zieht.
Joachim Geil hat als Vierzigjähriger seinen Debütroman veröffentlich – und damit einen fulminanten Einstieg hingelegt. «Heimaturlaub» erzählt eine mitreißende Geschichte mit überraschenden Wendungen; sie ist lebendig geschrieben und originell konzipiert. Geil erfindet einen Erzähler, der als Nachfahre von Leutnant Dieter Thomas dessen Kriegstagebuch mit seinen nüchternen bis nichtssagenden Eintragungen findet und dessen Lebensgeschichte rekonstruiert.
Sein Roman geht nur am Rand auf die Unmenschlichkeiten des Nazi-Regimes ein, indem er an einem dramatischen Beispiel – Dieters Onkel denunziert seinen Grossvater – die denunziatorische Stimmung aufgreift. Sonst bleibt er als Erzähler durchweg neutral. Er urteilt nicht, sondern berichtet nüchtern, wie Dieter Thomas – von den Grosseltern aufgefordert zu desertieren – wieder zurück in den Krieg geht und fällt. Was seine Verwandten ebensowenig wissen wie seine Geliebte Heidi: Der Tod ist nicht Pflichterfüllung, er ist auch der einzige Ausweg von den schaurigen Kriegserinnerungen, die ihn selbst tagsüber und im romantischen Beisammensein mit seiner Geliebten überkommen und die der Autor eindrücklich drastisch beschreibt.
Seine Verletzung aus dem Russlandfeldzug sieht man ihm nicht mehr an. Zwischen Lazarett und Rückkehr an die Front verbringt er sieben flirrend heisse Sommertage. Tage der Liebe sollen es werden. Tage am Abgrund erwarten ihn. Und das liegt nicht an Heidi, die seine Liebe erwidert.
Es sind die Kriegserinnerungen, die seine Erlebnisse überlagern. Und es ist die sonderbare Form des Sterbens, die ihn Zuhause erwartet. Das Haus ist still, die Stimmung gedrückt. Während an der Front der Tod rasch und überraschend kommt, liegt hier das Warten auf das Sterben des Grossvaters bedrückend in der Luft. Vielleicht lebt dieser nur noch, um seinem Enkel eine letzte Botschaft zu überbringen: dass der Krieg falsch ist, angezettelt von einem Satan, dem der Leutnant jetzt dient.
Langsam, mit der Gewissheit, dass der Schmerz es von ihr verlangt, langsam zu sein, doch auch aus Erschöpfung, setzt die Grossmutter Löffel für Löffel an den Mund. Die Suppe ist dünn, aber die Kartoffeln sind zu schmecken.Prima, sagt Dieter und lächelt Tante Emmy an, als sie ihm einen Nachschlag gibt. Die Grossmutter schweigt, und auch Dieter wagt es nicht, mit der Bemerkung herauszuplatzen, dass die Bahnfahrt ohne Verspätung vonstatten gegangen sei und der Anschluss in Winden direkt geklappt habe. Die Strenge, mit der Großmutters Kleid am Hals bis zum Kinn geschlossen ist, lässt Dieter an seine Uniform denken, deren obersten Knopf er noch immer nicht geöffnet hat. Die auf der Verandamauer stehenden Blumen duften still und dumpf, und es liegt etwas in der Luft, was er in ganz anderer Form tagtäglich in Einzelteilen und aufgerissenen Mündern voller Energie oder als beiläufiges Umkippen und Vornüberfallen, Zurseitesacken, Liegenbleiben im Zischen und Pfeifen oder als rückkehrloses Fernbleiben registriert hat. Es liegt der Tod in der Luft, mit einer Schwere, die Dieter nicht kennt, die er sich nicht vorstellen kann, nicht vorstellen will, denn was ist so Besonderes an ihm? Dieter sieht die in die Suppe blickende Grossmutter an und merkt, dass hier anders gestorben wird. Der Tod hat hier etwas Getragenes und Besonderes, hier wird ein Tod gestorben, der sich ankündigt und alle in seinen Bann zieht.
Joachim Geil hat als Vierzigjähriger seinen Debütroman veröffentlich – und damit einen fulminanten Einstieg hingelegt. «Heimaturlaub» erzählt eine mitreißende Geschichte mit überraschenden Wendungen; sie ist lebendig geschrieben und originell konzipiert. Geil erfindet einen Erzähler, der als Nachfahre von Leutnant Dieter Thomas dessen Kriegstagebuch mit seinen nüchternen bis nichtssagenden Eintragungen findet und dessen Lebensgeschichte rekonstruiert.
Sein Roman geht nur am Rand auf die Unmenschlichkeiten des Nazi-Regimes ein, indem er an einem dramatischen Beispiel – Dieters Onkel denunziert seinen Grossvater – die denunziatorische Stimmung aufgreift. Sonst bleibt er als Erzähler durchweg neutral. Er urteilt nicht, sondern berichtet nüchtern, wie Dieter Thomas – von den Grosseltern aufgefordert zu desertieren – wieder zurück in den Krieg geht und fällt. Was seine Verwandten ebensowenig wissen wie seine Geliebte Heidi: Der Tod ist nicht Pflichterfüllung, er ist auch der einzige Ausweg von den schaurigen Kriegserinnerungen, die ihn selbst tagsüber und im romantischen Beisammensein mit seiner Geliebten überkommen und die der Autor eindrücklich drastisch beschreibt.
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