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Mittwoch, 21. April 2010
Vinicio Capossela - The Story-faced Man
thenoise, 23:21h
Der italienische Liedermacher Vinicio Capossela beschäftigt nicht von ungefähr Marc Ribot und Calexico: Er teilt ihre Liebe für eigenständig-schräge, nur schwer verortbare Musik. Wenn die Trompeten von Martin Wenk und Jacob Valenzuela durch «La Faccia Della Terra» wehen, hört man sofort den Ton von Calexico, aber es gibt keine Zweifel daran, dass ihre Klangfarbe 'nur' die attraktive Beigabe eines Liedes ist, das auch ohne sie bestehen könnte. Und wenn Vinicio Capossela mit italienischen Musikern spielt, stehen diese ihren bekannten Kollegen in nichts nach.Vinicio Capossela interpretiert Lieder, als wären sie im Berlin des noch jungen 20. Jahrhunderts entstanden, er bringt 'klassische' italienische Lieder und solche, die wie alternative Schlager wirken. Er mag Piano-Balladen und weiche Streicherarrangements genauso wie eckige Rhythmen und apokalyptische Walzer.
Die möglicherweise unangenehme (finanzielle) Folge von «The Story-Faced Man»: Die ausgewählten Songs machen auf alle bisher erschienenen Alben Lust.
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Sonntag, 18. April 2010
Sa Dingding - Harmony
thenoise, 10:47h
Das künstlerische Streben von Sa Dingding ist ernsthafter als es die Lieder von «Harmony» vermitteln. Zu vordergründig ist das Album produziert, oftmals zu geglättet die Melodieführung («Hua» beispielsweise könnte auch von einem beliebigen französischen Popsternchen geträllert werden), und die Elektronik überdeckt die immer wieder eingesetzten traditionellen Instrumente, deren Klangfarbe vor allem in den Intros und Outros zum Tragen kommt.Viele Weltmusik-Produktionen kranken daran, dass das westliche Fundament - oft Synthie-Gewaber - mit den traditionellen Melodien, Rhythmen und Instrumenten nicht zusammenfinden. Das kann man «Harmony» nicht vorwerfen. Aber Marius de Vries, der für U2, Björk und Rufus Wainwright produzierte und hier auch die Stücke mitkomponierte, lebt viel zu sehr in der Elektronik-Popwelt und lässt den traditionellen Elementen keinen Raum. Das funktioniert zwar noch beim Auftakt-Song «Ha Ha Li Li», degradiert sie in der Regel aber zum Aufputz. Für eine Sängerin mit ernsthaften Liedern und künstlerischen Anliegen - sie geht sogar so weit, für manche Songs eine eigene Sprache zu erfinden - ist das nicht angemessen.
Dass Sa Dingding mit dieser Platte den Erfolg im Westen sucht, ist keineswegs verwerflich. Sie könnte ihn vermutlich auch mit Musik erreichen, die weniger vordergründig ist. Als Maßstab gelten weiterhin die gemeinsame Arbeit von Michael Brooks und Nusrat Fateh Ali Khan und die weltläufige Musik von Marie Boine Persen. «Harmony» ist - von Ausnahmen abgesehen - musikalisch weit davon entfernt.
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Sonntag, 11. April 2010
Unfreiwillige Entdeckung
thenoise, 22:46h
Wenn Freunde rufen, geht man auch zum Benefizkonzert. Lokalheroen, ein Abend voller Bier und sonst nicht weiter bemerkenswert. Und dann The Burning Rosettas , simpel, direkt und voller Witz.
Spät am Abend kommen noch Vivid - Funk, Jazz, braucht man das? Sie tun, als ob sie nichts Besonderes machen würden, unprätentiös. Nach einigen Songs beginne ich zu fotografieren und merke, dass die poetische Ausstrahlung der in sich gekehrten Musiker genau das Gegenteil ihrer Musik Ausdrücken. Die wissen, was sie tun.

Spät am Abend kommen noch Vivid - Funk, Jazz, braucht man das? Sie tun, als ob sie nichts Besonderes machen würden, unprätentiös. Nach einigen Songs beginne ich zu fotografieren und merke, dass die poetische Ausstrahlung der in sich gekehrten Musiker genau das Gegenteil ihrer Musik Ausdrücken. Die wissen, was sie tun.

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Samstag, 10. April 2010
Swingend, spritzig und witzig
«Head Over High Heels» - Songs aus Screwball Comedies
«Head Over High Heels» - Songs aus Screwball Comedies
thenoise, 12:08h
Beziehungskomödien aus den 1930er- und 1940er-Jahren, so genannte Screwball Comedies, schöpften nicht nur die Möglichkeiten des noch jungen Tonfilms aus: Sie hatten auch starke Frauencharaktere: frech, aufmüpfig und alles andere als auf den Mund gefallen. Und stimmgewaltig waren sie auch. «Head Over High Heels» versammelt 24 Perlen aus dieser Zeit, mit Sängerinnen wie Sophie Tucker, Mae West, Billie Holiday oder Carmen Miranda. Die Besetzungsliste liest sich wie ein 'Who is who' der großartigsten Sängerinnen der Zeit, welche hier durchweg spritzige und überaus witzige Songs präsentieren, die oft von ebenso hochkarätigen Komponisten stammen - etwa Jerome Kern, Irving Berlin oder Doris Fisher, deren «Put The Blame On Mame» hier nicht von ihr selbst, sondern von Rita Hayworth gesungen wird.Eine herausragende Zusammenstellung für alle, die altmodische Musik mit zeitlosem Wortwitz schätzen.
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Montag, 5. April 2010
Plädoyer für eine unterschätzte Kulturtechnik
Kathrin Passig und Aleks Scholz propagieren das Verirren
Kathrin Passig und Aleks Scholz propagieren das Verirren
thenoise, 14:17h
Man kann leicht provozieren, indem man das Gegenteil von dem propagiert, was als allgemeingültig anerkannt ist. Kathrin Passig beherrscht dieses Prinzip. Vor zwei Jahren hat sie gemeinsam mit Sascha Lobo ein Buch veröffentlicht, das der Prokrastination huldigt. Prokrastination ist die Kunst des Aufschiebens, von den meisten Menschen eher als Krankheit empfunden. Während alle Welt findet, man müsse noch besser organisiert sein, man müsse alles Anfallende sofort erledigen, zelebrieren die beiden Autoren genüsslich die Vorteile des Unperfekten. Jetzt legt Kathrin Passig – auf einem anderen Gebiet und mit einem anderen Partner – nach: Mit einer Anleitung zum Verirren. Das klingt, nicht nur im Zeitalter von GPS und Navigationsgeräten mit dreidimensionalen Bildern paradox.
Warum aber sollte sich jemand mit dem Verirren auseinandersetzen, wenn er nicht gerade eine Wüstendurchquerung plant oder auf Händen zum Südpol möchte? Die Autoren verraten es erst am Ende ihres durchweg vergnüglich zu lesenden Buches.
Insgeheim geht es beim Verirren, so schreiben die Autoren, um Grundfragen der Wissenschaft, um Problemlösungsstrategien, um Einsichten in Erkenntnisprozesse. Welche Einflüsse tragen dazu bei, im Menschen Ideen entstehen zu lassen, richtige wie falsche? Auf welcher Grundlage können wir beurteilen, ob uns diese Ideen ans Ziel führen? Wie ist es möglich, den Überblick darüber zu behalten, was man weiß und vor allem: was man nicht weiß? Kann derselbe verwirte Kopf, der einen Fehler gemacht hat, diesen Fehler erkennen und sich quasi an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen? In ihrem Wesen verhalten sich Verirrte und Wissenschaftler ähnlich – was damit zu tun hat, dass Menschen zur Problemlösung ähnliche Methoden einsetzen, egal, in welcher Form sich die Probleme stellen.
Das Buch ist eine Mischung aus Geschichten ums Verirren und Erkenntnissen. An unterschiedlichen Berichten von Menschen, die sich verirrt haben und wieder gerettet wurden, zeigen die Autoren beispielhaft, worauf es ankommt. Als Beispiele dienen die Geschichten von unachtsamen Menschen, die mit ihrem Auto im Schnee stecken bleiben und fatale Fehler machen genauso wie Expeditionsberichte, etwa den von Hans Bertram und Adolf Klausmann. Die beiden Deutschen wollten mit ihrem Wasserflugzeug «Atlantis» von Deutschland nach Australien fliegen. Nachdem sie auf ihrer letzten Etappe, einem Nachtflug, durch ein Gewitter vom Kurs abkamen, mussten sie auf einer einsamen Insel notlanden und erst nach rund 40 Tagen zufällig gefunden werden.
Auch wenn es komisch klingt. Das Buch «Verirren» ist alltagstauglich – aus mehreren Gründen. Man erfährt einiges über das Verhalten von Menschen, von denen manche die eigene Einschätzung bestätigen werden. Zum Beispiel, dass Männer weniger gut zugeben können, sich verirrt zu haben als Frauen, und dass sie dementsprechend lieber länger herumirren, als jemanden nach dem Weg zu fragen. Wer selbst gerne in unberührten Gegenden unterwegs ist, wird sein Augenmerk eher auf Hinweise zu Gefahr und Risikobewusstsein beherzigen und bedenken, dass die heutige Ausrüstung nicht zwangsläufig mehr Sicherheit bedeutet – sie verlockt eher zu riskanterem Verhalten. Risikoforscher schätzen, dass der Mensch bereit ist, bei freiwilligen Tätigkeiten wie Skifahren, Klettern oder Bergsteigen ein etwa tausend mal höheres Risiko zu akzeptieren als in Situationen, auf die er keinen Einfluss hat. Neben solchen durchaus nützlichen Informationen, die auch dazu anregen, das eigene Verhalten zu hinterfragen, erfährt man beispielsweise auch Wissenswertes, auf das man nicht so ohne weiteres stößt, etwa wie sich die polynesischen Seefahrer mit ihren Auslegerkanus in einem Gebiet orientiert haben, das 50 Millionen Quadratkilometer umfasst. Eine Fertigkeit übrigens, die – selbst wenn sie nicht im Lehrplan der Grundschule auftaucht – auch heute noch gelehrt wird.
Nicht zuletzt sitzt dem Autorenduo durchweg der Schalk im Nacken. Kathrin Passig und Aleks Scholz sind ständig zu einem Späßchen aufgelegt, und durch das ganze Werk zieht sich ein angenehm ironischer Ton. Beides trägt dazu bei, das Buch vergnüglich und lesenswert zu machen.
Warum aber sollte sich jemand mit dem Verirren auseinandersetzen, wenn er nicht gerade eine Wüstendurchquerung plant oder auf Händen zum Südpol möchte? Die Autoren verraten es erst am Ende ihres durchweg vergnüglich zu lesenden Buches.
Insgeheim geht es beim Verirren, so schreiben die Autoren, um Grundfragen der Wissenschaft, um Problemlösungsstrategien, um Einsichten in Erkenntnisprozesse. Welche Einflüsse tragen dazu bei, im Menschen Ideen entstehen zu lassen, richtige wie falsche? Auf welcher Grundlage können wir beurteilen, ob uns diese Ideen ans Ziel führen? Wie ist es möglich, den Überblick darüber zu behalten, was man weiß und vor allem: was man nicht weiß? Kann derselbe verwirte Kopf, der einen Fehler gemacht hat, diesen Fehler erkennen und sich quasi an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen? In ihrem Wesen verhalten sich Verirrte und Wissenschaftler ähnlich – was damit zu tun hat, dass Menschen zur Problemlösung ähnliche Methoden einsetzen, egal, in welcher Form sich die Probleme stellen.Das Buch ist eine Mischung aus Geschichten ums Verirren und Erkenntnissen. An unterschiedlichen Berichten von Menschen, die sich verirrt haben und wieder gerettet wurden, zeigen die Autoren beispielhaft, worauf es ankommt. Als Beispiele dienen die Geschichten von unachtsamen Menschen, die mit ihrem Auto im Schnee stecken bleiben und fatale Fehler machen genauso wie Expeditionsberichte, etwa den von Hans Bertram und Adolf Klausmann. Die beiden Deutschen wollten mit ihrem Wasserflugzeug «Atlantis» von Deutschland nach Australien fliegen. Nachdem sie auf ihrer letzten Etappe, einem Nachtflug, durch ein Gewitter vom Kurs abkamen, mussten sie auf einer einsamen Insel notlanden und erst nach rund 40 Tagen zufällig gefunden werden.
Auch wenn es komisch klingt. Das Buch «Verirren» ist alltagstauglich – aus mehreren Gründen. Man erfährt einiges über das Verhalten von Menschen, von denen manche die eigene Einschätzung bestätigen werden. Zum Beispiel, dass Männer weniger gut zugeben können, sich verirrt zu haben als Frauen, und dass sie dementsprechend lieber länger herumirren, als jemanden nach dem Weg zu fragen. Wer selbst gerne in unberührten Gegenden unterwegs ist, wird sein Augenmerk eher auf Hinweise zu Gefahr und Risikobewusstsein beherzigen und bedenken, dass die heutige Ausrüstung nicht zwangsläufig mehr Sicherheit bedeutet – sie verlockt eher zu riskanterem Verhalten. Risikoforscher schätzen, dass der Mensch bereit ist, bei freiwilligen Tätigkeiten wie Skifahren, Klettern oder Bergsteigen ein etwa tausend mal höheres Risiko zu akzeptieren als in Situationen, auf die er keinen Einfluss hat. Neben solchen durchaus nützlichen Informationen, die auch dazu anregen, das eigene Verhalten zu hinterfragen, erfährt man beispielsweise auch Wissenswertes, auf das man nicht so ohne weiteres stößt, etwa wie sich die polynesischen Seefahrer mit ihren Auslegerkanus in einem Gebiet orientiert haben, das 50 Millionen Quadratkilometer umfasst. Eine Fertigkeit übrigens, die – selbst wenn sie nicht im Lehrplan der Grundschule auftaucht – auch heute noch gelehrt wird.
Nicht zuletzt sitzt dem Autorenduo durchweg der Schalk im Nacken. Kathrin Passig und Aleks Scholz sind ständig zu einem Späßchen aufgelegt, und durch das ganze Werk zieht sich ein angenehm ironischer Ton. Beides trägt dazu bei, das Buch vergnüglich und lesenswert zu machen.
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