Sonntag, 14. März 2010
Toni Mahoni - Irgendwat is ja immer
Toni Mahoni ist ein Original. Das klingt nicht hip, denn Originale gelten als ausgestorben. Als es sie noch gab, wurden verschrobene Menschen so bezeichnet - solche, die auch dann unverrückbar ihren Weg gehen, wenn ihre Meinung nicht mehrheitsfähig ist. Originale sind immer kauzig, oft Einzelgänger und manchmal werden sie sogar berühmt: Karl Valentin in München, der Berner 'Dällebach Kari' oder der Wiener Ludwig Weinberger, besser bekannt als Waluliso.

Toni Mahoni ist ein Künstlername und es ist nicht auszumachen, wie viel Autobiographisches in der Figur steckt, die in einem Videoblog regelmäßig ihre Ansichten zur Lage der Welt kundtut, gleichermassen gewitzt und banal. Mit seinem kräftigen Berliner Dialekt wirkt Toni Mahoni authentisch. Er präsentiert sich durchweg verschmitzt und selbstironisch - und jetzt bereits seine zweite Platte.

Als Musiker ist er viel konventioneller als seine Videoblogs vermuten lassen - und das ist durchaus gut so. Seine verschmitzten und ausgelassenen Texte - über die Liebe und Freundschaft, den Frühling und Alltägliches -- sind nicht ausnahmslos albern, es gibt auch ernsthafte. Mit rauer Raspelstimme und von seiner veritablen Band begleitet, spielt er sich durch Tango und Country, er swingt und gibt sich getragen, düster-melancholisch oder spielt Lieder an der Grenze zum Schlager.

Der Berliner Musiker bleibt seiner Blog-Kunstfigur Toni Mahoni treu, indem er albern und unkonventionell die gleiche Lebenseinstellung vermittelt. Wahrscheinlich sind seine persönlichen Ansichten mit denen seiner Kunstfigur recht deckungsgleich. Wesentlicher ist jedoch, dass er und seine Band die Lieder mit einem größeren Anspruch umsetzen als er es in seinen charmant-unperfekten Videoblogs tut.

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Sonntag, 7. März 2010
Ali Farka Touré & Toumani Diabaté - Ali & Toumani
Die letzten Stücke, die Ali Farka Touré eingespielt hat, sind traditionelle Lieder aus Mali; nicht nur solche aus seiner Heimatregion, sondern auch welche von südlichen Ethnien. Die Aufnahmen angeregt hat der Kora-Spieler Toumani Diabaté. Gemeinsam haben sie schon das mit einem Grammy ausgezeichnete Album «In The Heart Of The Moon» (2005) aufgenommen. Mit dabei war dieses Mal der sehr zurückhaltend agierende kubanische Bassist Orlando Cachaíto López (Buena Vista Social Club), bei manchen Stücken wurde im Nachgang Percussion oder Chorgesang hinzugefügt, eingespielt unter anderem von Vieux Farka Touré.

Die weitgehend redundanten Stücke plätschern, wie man es von den beiden kennt, ruhig und entspannt vor sich hin. Immer wieder vermag Toumani Diabaté mit seinen sanften Läufen zu begeistern. Von den Schmerzattacken, die Ali Farka Touré regelmässig befallen haben sollen, ist nichts zu merken. Die durchweg sanften Stücke evozieren Beschaulichkeit, träge Gelassenheit, mit der man die westafrikanische Nachmittagshitze im schattig-begrünten Innenhof genauso assoziieren darf wie - das Album wurde in London eingespielt - britische Regenfäden.

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Montag, 1. März 2010
Fehlfarben - Glücksmaschinen
Nicht nur bei «Stadt der 1000 Tränen» haben die Fehlfarben den treibend-melodiösen Bass nach vorne gemischt. Immer wieder klingen die Deutschrocker wie von Peter Hook inspiriert, der in den 1980er-Jahren den Klang von Joy Division maßgeblich mitgeprägt hat. «Neues Leben» wiederum klingt wie eine Reminiszenz an DAF, und Singen hat der mittlerweile in Wien lebende Düsseldorfer Peter Hein immer noch nicht gelernt. Es ist also fast alles wie früher. Der nostalgische, an Post-Punk und New Wave erinnernde Klang und Heins ungestümer Gesang ergänzen sich nach wie vor stimmig. Dazu gibt Peter Hein noch immer den bissig formulierenden Beobachter («Was hat man sich gefürchtet/ Ob der Blockwart etwas weiß/ Doch in jedem Forum/ gibt man die Penislänge preis») – ohne jedoch mit ausdrucksstarken Bildern die Stimmung der Zeit einzufangen, wie ihm das beim noch immer stärksten Fehlfarben-Album gelungen ist, dem Debüt «Monarchie und Alltag» (1980).

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Sonntag, 28. Februar 2010
T. C. Boyle - Zähne und Klauen
Bei vielen Büchern reicht es völlig, wenn man auf die Taschenbuchausgabe wartet. Bis zu deren Erscheinen hat sich - wie bei den unverzichtbaren Zeitungsartikeln, die man einige Wochen später oft ungelesen wegschmeißt - die Dringlichkeit relativiert oder es sind ohnehin zeitlose Geschichten, die nur auf die passende Gestimmtheit der Lesenden warten. T. C. Boyles Erzählband «Zähne und Klauen» pendelt dazwischen. Wie immer sprachmächtig und mit überbordender Fantasie erzählt er überwiegend von Menschen am Rand des gesellschaftlichen Abgrunds. Da ist der coole Lehrer auf der Schwelle zur Heroinsucht oder der von seiner Freundin Verlassene an der Kippe zum Pennerdasein. Es gibt aber auch die "normalen" vom Pech verfolgten, die zum Beispiel die unheilbare Krankheit der Ehefrau aus der Bahn zu werfen droht.
Die Erzählungen in «Zähne und Klauen» sind sicherlich nicht die besten des Autors, aber noch immer eine Klasse für sich.

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Dienstag, 16. Februar 2010
Die Strottern - I gabad ois
Der Tod kauft sich einen Heurigen am Zentralfriedhof, der heisst «zur letztn apotekn» und ist gemütlich «zum verreckn». In den Liedern von Klemens Lendl und David Müller kommt – abgesehen von einer Eloge auf die Stadt Wien – alles vor, was auch das Wienerlied thematisiert. Allerdings thematisieren sie – auch wenn sie mit «Zehn Guidn» auch ein Trinklied im Programm haben – Wein, Weib und Gesang nicht auf die früher altmodisch fröhliche Art. Bei den Strottern erzählt der Tod seinem Kind («Dod und Dodal»), dass er sich zur Ruhe setzen möchte und gibt ihm noch den Rat, und bitte es «drah net glei olle haam, waun de engaln auf urlaub san».

Die Strottern sind nicht die ersten, die das Wienerlied renovieren. In den 1970er-Jahren waren es Karl Hodina, André Heller und Roland Neuwirth (u. a. mit seinen Extrem Schrammeln), derzeit gehören das Kollegium Kalksburg und eben auch die Strottern zu den Erneuerern. Ihre Lieder sind nicht weinselig, sondern haben meist einen wehmütigen Klang. Sie sind wienerisch nihilistisch («Woascheinlich») und kommen gar nicht alle aus Wien: Das «Lumpenlied» ist ein ins Wienerische übertragene Gedicht von Wilhelm Busch.

Die Musik der Strottern ist äußerst reduziert und ich war überrascht, als ich die opulente Besetzungsliste gesehen habe. Neben dem Grundstock Geige und Gitarre spielen die beiden Strottern selbst einige Instrumente und haben auch noch u. a. Gäste geladen, die Zither, Akkordeon, Saxophon, Bass und Mellophon spielen – allerdings nie als Bigband, sondern immer nur als einzelne, akzentuierende Begleiter.

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