Samstag, 30. Januar 2010
Georg Kreisler - Letzte Lieder
Georg Kreisler hadert mit seinen größten Erfolgen, bitter stimmt ihn, dass er noch immer wegen seiner kabarettistischen Lieder wie Taubenvergiften im Park und Wien ohne Wiener weitum bekannt ist, und nicht als Opernkomponist oder Bühnenautor. Dass der 87jährige weder an Bissigkeit verloren hat, noch die Altersmilde sein Leben sehnsüchtig verklärt, beweist er mit seiner Autobiographie Letzte Lieder.

Die Genrebezeichnung ist generös gewählt. Denn Kreisler bringt mehr als seine Lebenserinnerungen - und die nicht beschönigend, sondern auch recht selbstkritisch. Kreisler lästert über künstlerischen Kleingeist und Kritiker, giftet gegen das Kulturestablishment in den Staaten und gegen die Österreicher. Dabei geht es ihm nicht nur darum seine Lebensgeschichte zu erzählen, was er auch nicht besonders ausführlich tut. Seitenhiebe auf seinen einstigen Kollegen Gerhard Bronner oder seine ehemalige Gattin Topsy Küppers sind ihm wichtiger als die Erwähnung seiner Zusammenarbeit mit Charlie Chaplin. Mindestens genauso wichtig wie seine Lebensgeschichte sind ihm seine Gedanken zu Kunst und Musik, zur Kulturförderung, zum Antisemitismus oder zu Glauben und Religion. Dabei springt er munter zwischen den Zeiten und Themen hin und her - ganz so, als ob er am Tisch sitzen und erzählen würde. Auch die Letzten Lieder des altgedienten Künstlers, der sich selbstironisch als einfachen, hochkomplizierten Menschen bezeichnet, sind lebendig und frisch.

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Donnerstag, 28. Januar 2010
Sulzkopf! Sulzkopf! Sulzkopf!
Thomas Bernhards "In der Höhe" im Landestheater Bregenz (A)
Es ist das letzte Text, den Thomas Bernhard veröffentlicht hat, aber angeblich sein erster: "In der Höhe" ist kurz vor dem Tod des österreichischen Autors erschienen, wurde aber schon geschrieben, bevor er 1972 mit seinem Roman „Frost“ reüssierte.

"In der Höhe" ist ein Prosatext, aber ihn für die Bühne zu bearbeiten ist nicht schwer. Was im Gegenzug jedoch nicht heisst, dass es einfach ist, ihn so hervorragend auf die Bühne zu bringen wie in Bregenz.
Das schmale Werk besteht aus Beobachtungen, Erzählfragmenten, Aphorismen, Miniaturen. Meist sind sie einer nicht näher benannten Person, dem alter ego des Autors, zuzuschreiben, der auch der Erzähler ist. Interessant an diesem Text ist, dass Bernhard hier sein späteres Werk stilistisch und inhaltlich vorbereitet. Seine mächtigen Sprachbilder sind genauso vorhanden wie seine Verachtung, seine Zweifel und seine Wut.


In der Höhe: Alexander Julian Meile und Julia Jelinek

Regisseur Karl Baratta hat die Textausschnitte gut gewählt und sie reduziert, aber hervorragend in Szene gesetzt. Bernhards Text braucht keine und liefert auch kaum Bilder. Karl Baratta greift das mit einem sehr reduzierten Bühnenbild auf. Ein langer Tisch und drei Betten genügen. Wichtiger ist, dass er den Text, der im Buch wohl einer Person zuzuschreiben ist, von vier Schauspielern sprechen lässt. Durch ihre ständig wechselnde Verteilung im Raum und den Gegenpol einer weiblichen Rolle erzeugt er ein sich beständig subtil veränderndes Bild, das praktisch durchgehend von einem meist etüdenhaft gespielten Klavier untermalt wird. Da braucht es nur noch wenige, gut dosierte Regieeinfälle, um das Stück kurzweilig zu machen: so toben zwei Schauspieler bei der entsprechenden Textstelle hechelnd wie Hunde über die Bühne, dann wiederum deuten sie während der Textrezitation ein kleines Tänzchen an.
Das alles passt hervorragend zu den Texten, die immer im Zentrum stehen. Es ergänzt sie, ohne den Blick auf sie zu verstellen. Die Schauspieler – darunter Burgtheater-Schauspieler und Bernhard-Kenner Paul Wolff-Plottegg sowie die zwei Nachwuchstalente Julia Jelinek und Alexander Julian Meile – agieren allesamt ausgezeichnet.

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Sonntag, 24. Januar 2010
Balkan-Party mit subtilen Zwischentönen
Duša Orchestra & Friends im Moods
Zur CD-Taufe ins Moods – einen besseren Ort kann sich die Ostschweizer World-Musik-Gruppe kaum wünschen. Im Züricher Jazzclub haben Balkan-Beats eine zweite Heimat gefunden. Und das Duša Orchestra zeigt gleich beim Auftakt, dass es durchaus das Potenzial für ein Etablissement mitbringt, das immer wieder hochkarätige Programmpunkte bietet. Die ersten, fest in der Musik das Balkan verankerten Stücke werden mit vielen Jazz-Elementen angereichert, ganz zwanglos zitiert das Quartett Duke Ellingtons Caravan und Dave Brubecks Take Five.


Strahlt nicht des Geldes wegen: Bandleader Goran Kovačević

Mit dem Gastsänger und Geiger Gavro Nikolic kommen ein definitiver Wendepunkt und auch ein wenig Balkan-Schick auf die Bühne. Mit langen Haaren und sorgsam gestutztem Bart, mit breitkrempigem Hut, roter Weste und den abgesteppten Schuhen könnte Nikolic auch das Großmaul in einem Kusturica-Film geben. Mit ihm, so erzählt Goran Kovačević, Akkordeonist und Kopf der Gruppe, habe er schon auf vielen Hochzeiten, Beerdigungen und Jazzfestivals gespielt. Die anfangs überaus gefühlvoll agierenden Musiker vollziehen die Wende zur Festzelt-Kombo. Jetzt hat die hinreißende Musik auch den mitreißenden Animator, der das Heft in die Hand nimmt. Goran Kovacevic und dem Saxofonisten Peter Lenzin ist zu verdanken, dass die feinsinnigen Zwischentöne trotzdem nicht auf der Strecke bleiben. Sie holen mit ihren Soli auch die anspruchsloseren Stücke aus der Belanglosigkeit.


Gefühlvoll und virtuos: der Ostschweizer Saxofonist Peter Lenzin

Verstärkt um ein Bläserquintett, das die Pause als Trauerzug-Musiker mit einem anheimelnd-getragenen Dixieland-Intro beendet, wird das Duša Orchestra zur kleinen Big Band. Das bringt eine neue Facette des Balkan-Klangs und noch mehr Drive. Aber auch sie können die schwache Interpretation des durch Miriam Makeba bekannt gewordenen Liedes "Malaika" nicht aufpeppen. Die Frage, welchen Sinn das Lied eines kenianischen Komponisten in Kovačevićs fünfteiligem Tansania-Zyklus macht, stellt sich wohl niemand. Denn auch im zweiten Teil des Sets steht bald die Party im Vordergrund. Einer aus dem begeisterten Publikum bedankt sich gar stilvoll-traditionell für das lebendige Konzert – mit einem Geldschein, den er auf Kovačevićs schweißnasse Stirn pappt.

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Montag, 18. Januar 2010
Jochen Distelmeyer - Heavy
Wer einen Beweis sucht, dass Poprock mit deutschen Texten nicht gut ist, wird hier fündig. Aber bald erscheint wieder ein Album von den Sternen.

Gehört: immer mal wieder, durchweg mit gutem Willen

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Sonntag, 10. Januar 2010
Redundanter Schwung
Rupa & The April Fishes - mitreißend lebendiger Folk mit Beimischungen aus Europa und Lateinamerika
Frischer Schnee, daher bin ich viel zu spät, das Konzert ist bei meiner Ankunft schon auf einem ersten Höhepunkt: Rupa Marya beinahe ekstatisch, der Klang voll und die Band in außerordentlich guter Stimmung. Rupa & The April Fishes wirken ausgelassen wie die Musiker bei einer Roma-Hochzeit. Das Publikum scheint alles um sich vergessen zu haben. Dann durchatmen bei einer relaxten, letztlich aber zu laschen Version des Clash-Songs Guns of Brixton. Dieser zeigt jedoch den Geist, in dem Rupa Marya ihre Lieder schreibt, wie das Lied Neruda, das ein indirekter Dialog mit dem chilenischen Dichter ist - sie hat eines seiner Gedichte weitergeschrieben. Ich wollte gerne mit ihm sprechen, aber er ist ja schon tot, erklärt Rupa Marya.



Viele der flotten Stücke von Rupa & The April Fishes - etwa La Frontera oder Culpa De La Luna, beides Stücke vom neuen Album Este Mundo (2009) - leben vom treibenden Zweivierteltakt. Das bringt Schwung, aber auch leicht eintönige Redundanz. Dieser begegnet die Band mit interessanten Breaks und quicklebendigen Soli. Es ist eine Freude, sie miteinander agieren zu sehen. Während Rupa Marya mit Gesang, Rhythmusgitarre und Spielfreude völlig ausgelastet ist, glänzen vor allem der Schlagzeuger Aaron Kierbel und die Akkordeonistin Isabel Douglass solistisch, aber auch Safa Shokrai mit seinem immer wieder überaus melodiös gespielten Kontrabass.

Nächste Konzerte: 12.1.2010 München, 13.1. Darmstadt, 25.1. Bochum, 26.1. Berlin, 27.1. Hamburg.

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