Dienstag, 8. Dezember 2009
Cody - Songs
Mal sorgt eine melancholisch klingende Mundharmonika für den sanften Auftakt (Remember When), mal gefühlvolle Streicher (I Want You) oder eine schlichte Gitarre (Down In The Dark). Doch selbst die Solo-Instrumente bleiben nicht lange allein – und die akustischen Instrumenten werden um elektrifizierte ergänzt. Das ist durchweg stimmig und kommt aus einem Guss. Ihre dänische Herkunft hört man Cody so wenig an, dass sie sogar schon als authentische Americana-Musiker bezeichnet wurden. Aber was ist heutzutage authentisch, und inwiefern taugt das als Beschreibung der Qualität?
Cody bringen schlichte, sorgsam arrangierte Lieder, die überwiegend leise sind, aber durchaus – wenn schon nicht laute – so doch kräftige Passagen aufweisen. Im Vordergrund stehen trotzdem gefühlbetonte Stücke, simple Folksongs mit anschmiegsamem Fingerpicking (Cath The Straw), und immer wieder einschmeichelndem mehrstimmigen Gesang (A Crime).

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Montag, 7. Dezember 2009
Schöne Rückschau - leider nicht mehr
Jubiläumsalbum von Gerhard Polt und der Biermösl Blosn
Urlaub bei den Menschenfressern, die Ansprache des Bürgermeisters von Bad Hausen oder "Kreissparkasse meets Art" – Gerhard Polt hat in seinen Bühnenstücken viele Charaktere verkörpert, überwiegend Spießer, deren Denken er köstlich und auf unvergleichliche Art entlarvt. Oft genug hat er sich die Biermösl Blosn dazu geholt.
Die Jubiläumsausgabe zeigt, dass man auch heute noch über die alten Stücke lachen kann. Das ist zwar gut, bietet aber denjenigen zu wenig, die die Arbeit des bayerischen Kabarettisten schon lange verfolgen – daher nur für absolute Fans oder Einsteiger.

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Samstag, 14. November 2009
Pippi Langstrumpf von der Alp
Im Jodler, so der Ansatz von Erika Stucky, schaut man ganz tief in die Seele. Was im Mississippi-Delta der Blues, ist dem Walliser der Jodel. Stucky baut ihn ganz selbstverständlich in ihre Lieder ein – oder überlässt ihm gleich ganz den Raum. Ihr Ansatz ist anarchisch. Alles hat Platz, solange es die Seele berührt: schaurige Walliser Sagen, ergreifende Jodler und die Rolling Stones.


Unscharfer Gletscher: live vertonte Videos als zentraler Bestandteil

Das gemeinsame Programm mit der ebenfalls aus dem Wallis stammenden Mundart-Popsängerin Sina trägt eindeutig die Handschrift von Erika Stucky. Das fängt bei der eigenwilligen Besetzung an (die musikalische Hauptlast trägt der Tubist Jon Sass), geht weiter mit den burlesken, grob gemachten Filmen, und endet bei der zwischendurch überaus beeindruckenden Bühnenpräsenz, die zwischen Pippi-Langstrumpf-artig ausgelassen und performant (nicht im Sinn eines musikalischen Auftritts, sondern im Geist der Aktionskunst) pendelt. Mit dem Rolling-Stones-Klassiker Gimme Shelter - der Höhepunkt des eher langsam in Fahrt kommenden Konzerts - erweitert Stucky ihr Repertoire an Coverversionen um ein weiteres exzellentes Beispiel für die hohe Kunst der Reduktion: die Tuba legt die Basis, auf der die überaus ausdrucksstarke Stucky den Song verkörpert.
Wie immer bei Stucky sind die Stücke gleichermaßen einfach und raffiniert.


Erika Stucky: von ulkig bis anarchisch

Erika Stucky und Sina arbeiten seit Jahren an gemeinsamen Projekten. Welchen Anteil die beiden Künstlerinnen am aktuellen Programm tatsächlich haben, lässt sich nicht feststellen. Verbindend sind nicht nur ihre Wurzeln und genreüberschreitende Musik, sondern offensichtlich auch die Lust am Trash, der sich in Super-8- und Videofilmen zeigt, die - live vertont -- integraler Bestandteil des Programms sind. Auf der Bühne versucht Sina erst gar nicht, an das komische Talent ihrer Kollegen heranzukommen. Ohne dadurch in den Hintergrund zu rücken, beschränkt sie sich auf ihre Rolle als Sängerin und wechselt sich mit Erika Stucky als Erzählerin ab.

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Sonntag, 8. November 2009
Feierlich und kontemplativ
Sarband mit jüdischen, christlichen und muslimischen Psalmvertonungen in Augsburg
Wohlauf ihr Heiligen und Frommen, frohlockt dem Herren allgemein. Denn ihn zu preisen und zu rühmen, anstehet den Gerechten fein - getragen, subtil und intensiv startet das Innovantiqua Ensemble mit einem Psalm des Holländers Jan Pieterszoon Sweelinck, sehnsüchtig schlägt gleich im Anschluss der leicht verhauchte Klang der Ney die Brücke zum Orient. Ali Ufkî (der polnische Kirchenmusiker W. Bobowski, der am türkischen Hof zum Islam konvertierte) übertrug die Psalmen des Genfer Psalters ins modale Makam-System und die Texte ins osmanische Türkisch. Vokalensemble und Sarband wechseln sich ab, spielen gelegentlich gemeinsam und ein Mal lassen sich Sarband zu einer Improvisation innerhalb des streng komponierten Programms hinreißen.



Das Feierliche steht im Vordergrund. Sarband und das Innovantiqua Ensemble interpretieren die Psalme - sie wurden überwiegend im 17., einige bereits im 16. Jahrhundert geschrieben - getragen und feierlich, mitunter zweifellos beseelt, aber fern von religiösem Eifer.

Man mag den prunkvollen Renaissance-Saal als gediegene Kulisse für feierliche Gesänge finden -- das Hörvergnügen ist für gut die Hälfte der Besucher ebenso eingeschränkt wie die Sicht. Zwei riesige Tische verhindern die übliche Konzertbestuhlung, ein Teil kommt links und rechts der Bühne zu sitzen. Das mag im Konzertsaal mit seinen erhöhten Rängen weniger stören, aber dafür ist dieser Raum nicht gedacht. Die subtil gespielte Oud geht ebenso oft im Klang der Rahmentrommel unter wie die zart gespielten Saiten der Kanun oder - wenn Chor und alle Ensemblemitglieder gemeinsam spielen - die Stimme des Solisten Mustafa Dogan Dikmen. Einzig die Saiten der Kemençe bahnen sich immer ihren Weg ins Ohr.

Auch das auf den ersten Blick bestechende Konzept, den gemeinsamen Hintergrund der unterschiedlichen Kulturen aufzuzeigen und zwischen diesen eine Brücke zu schlagen, geht nur teilweise auf. Ali Ufkî hat einen ursprünglich christlichen Hintergrund, und der jüdische Violonist, Sänger und Komponist Salamone Rossi Hebro komponierte für den Herzog Vincenzo Gonzaga in Mantua und die Synagoge gleichermaßen. Als Gonzaga die Juden ins Ghetto verbannte und damit auch Hebro vom höfischen Leben ausschloß, verband der Komponist den weltlichen, mehrstimmigen Gesang, der keinerlei Zusammenhang mit der jüdischen Tradition hat, mit liturgischen Texten - aus Sehnsucht nach dem höfischen Leben. Die in den Vordergrund geschobenen Gemeinsamkeiten verdrängen den eigenen Charakter der osmanischen und jüdischen Kulturen.
Der wirkliche Austausch der Kulturen findet nicht statt. Das führt zwar zu einem sehr homogenen, aber auch weitgehend spannungsarmen Konzert. Sarband zeigen, wo sich Traditionen verschmolzen haben. Das Verständnis für die unterschiedlichen musikalischen und liturgischen Ausdrucksformen der drei Religionen kann man so nur bedingt wecken.

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Mittwoch, 4. November 2009
Eine neu Kurzsichtige Bilder
Oliver Möst zeigt totphotographierte Motive auf seine eigenwillige Art
Brillenträger sind klar im Vorteil – zumindest wenn sie sich die Bilder von Oliver Möst vorstellen sollen. Der deutsche Fotograf hat seine Kurzsichtigkeit zum Thema seines ersten Buches gemacht. Sein Titel ist einerseits befremdlich, wirkt aber auch humorvoll: Clackastigmat. 6.0. Die Auflösung des Kunstworts ist einfach: Clack bezieht sich auf die Agfa-Clack-Kamera, mit der Möst fotografiert hat, Astigmat kommt von Astigmatismus, also von der Fehlsichtigkeit des Fotografen, die er zur Grundlage seiner Bilder gemacht hat. Und 6.0 weist nicht den Blick in eine elektronische Zukunft, sondern ist schlichtweg die Stärke seiner Brillengläser.
Eine solche Linse hat sich der in Berlin lebende Fotograf vor das Objektiv seiner Agfa-Clack gebaut, damit dieses genauso sieht wie er ohne Brille. Die Bilder sind unscharf – und genau das macht ihren grossen Reiz aus. Sie sind geprägt von Farben und Formen, die verschwommenen Farben sind pastellartig und die Konturen weich. Wir sehen die Gegenstände zwar noch deutlich, aber trotzdem nicht so, wie wir es gewohnt sind.

Fotografiert hat Oliver Möst die Pokalsammlung seines Vaters, die dieser jedoch nicht in renommierten Sportarten gewann, sondern beim Eisstockschießen und Schafkopfen. Damit hat der Fotograf nicht nur mit originellen Sujets das Banale zum Erhabenen gemacht – er hat sich durch die künstlerische Transformation mit der Leidenschaft seines Vaters ausgesöhnt, für die er sich viele Jahre lang schämte. Möst machte auch Aufnahmen am Strand, er fotografierte Reiterstandbilder und Blumenarrangements. Er portraitierte Freundinnen und Freunde in Ganzkörperporträts. Es sind also immer Serien, die er mit seiner kurzsichtig gemachten Linse fotografiert hat.

Dass er eine alte Agfa-Kamera nimmt, hat übrigens keine nostalgischen Gründe. Sie kommt mit ihrem Sechs-Mal-Neun-Format dem Sehfeld des Menschen nahe, und mit ihrer aus einer Linse bestehenden Optik entspricht sie der Konstruktion, mit der auch der Fotograf sieht: mit einer Linse und einem davor gesetzten Brillenglas.
Dabei hätte er die Betrachter seiner Bilder leicht beschwindeln können und einfach die Kamera defokussie-
ren. Doch das, so meint der Foto-
graf, wäre nicht das gleiche. Schließ-
lich sei das Objektiv immer auf eine Stelle fokussiert, während sein Auge beim Abnehmen seiner Brille durchweg gleich unscharf sehe.

Mit seiner Art, die Welt abzulichten, bringt Oliver Möst – wie er es nennt – totphotographierte Motive auf völlig neue Art und Weise, er macht das konsequent und radikal subjektiv und kommt damit zu berückend-entrückten Bildern.

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