Sonntag, 22. April 2012
Richard Koechli - Howlin' With The Bad Boys
So weit ist die Schweiz gar nicht von den USA entfernt: Schon Erika Stucky hat festgestellt, dass die traditionelle Musik so tief in die Seele geht wie der Blues. Da überrascht es nicht, dass dieses Land auch hervorragende Blues-Musiker hervorbringt. Obwohl sich der Innerschweizer Gitarrist Richard Koechli als Roots-Musiker versteht und auf den Spuren von Folk, Blues und Country wandelt, hat er sich für «Howlin With The Bad Boys» ganz dem Blues verschrieben. Aus fast praktischem Grund: In seinem jüngsten Buch – Koechli ist auch Autor von Gitarre-Lehrbüchern – vermittelt er die Spieltechniken der großen Meister des frühen akustischen Blues. Sich mit eigenen Songs auf die Spuren der Vorbilder und Inspiratoren zu begeben ist naheliegend.

Koechli, der alle Songs selbst geschrieben hat und mit einschmeichelnd-brüchiger Stimme auch singt, widmet sich zwar den typischen Blues-Themen von Schmerz und Verlust (in «Bruno» etwa über seinen früh und qualvoll verstorbenen Bruder), gleitet aber nicht romantisierend ins Gestern zurück: Im «CEO Worksong» trägt er – zwar eindimensional und stereotyp, aber ist nicht Simplizität ein wichtiges Kennzeichen des Blues? – den veränderten Arbeitsbedingungen Rechnung. Auch wenn Koechlis Texte – er singt in Schweizer Mundart, Englisch und Französisch – einfach sein mögen, sein Spiel ist gleichermaßen entspannt und dringlich. Er beherrscht das subtile Fingerpicking auf der akustischen ebenso wie die Slides auf der E-Gitarre.

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Samstag, 21. April 2012
Vorwiegend sonnig
Die Muotathaler «Wätterschmöcker» wissen wie der Sommer wird
Natürlich geben sie nicht preis, warum sie das Wetter besser vorhersagen können als «die z'Züri» mit all ihren Computern. Damit würden sich die Muotathaler Wetterpropheten gewissermassen ein Eigentor schiessen. Denn jedes Jahr bewertet eine Jury des Meteorologischen Vereins Innerschwyz die Konkurrenten.
Der eine schaut auf die Ameisen, der andere auf die Tannenzapfen und ein anderer beschwert sich vorwiegend, dass seine Prognosen von den Bauern im Tal nicht ernst genommen werden. Alle gemeinsam, aber das ist nicht Thema des Films, hoffen sie mit ihren Prognosen den Wanderpokal mit nach Hause nehmen zu dürfen.


Gruppenbild vor dem Gewitter: Benny Wagner (2.v.l.) gibt seine Prognosen nur
noch den Besuchern seiner Almhütte. © Andreas Roovers


Wie zutreffend die Prognosen der Muotataler Wetterschmöcker sind, verrät der Film von Thomas Horat nicht. Doch darauf kommt es nicht an. Eingebettet in den Jahresverlauf und die traditionellen Feste, präsentiert der Innerschweizer Dokumentarfilmer in überwiegend schönen Bildern Menschen mit Fertigkeiten, die den meisten abgehen. Als Bauern, Holzer und anderen von der Natur bestimmten Berufen sind sie darauf angewiesen, die Naturbeobachtung zu kultivieren. Daraus einen Wettbewerb – und mit der halbjährlichen Verleihung des Wanderpokals einen Event zu kreieren – zeigt, dass die durchaus auch kurios anmutenden Traditionalisten nicht von gestern sind.

Thomas Horat nimmt die Rolle des neutralen Beobachters ein er fragt seine Protagonisten, aber er hinterfragt nicht. Vorlagen dafür hätten ihm die Wetterpropheten durchaus gegeben – etwa mit ihrem Kommentaren zur Klimaerwärmung. So plätschert der Film nett vor sich hin, nicht Konzeption und Umsetzung, sondern alleine das Thema hat dafür – durchaus zu Recht – gesorgt, dass der 2010 veröffentlichte Film gebührend beachtet wurde und auch auf Festivals gezeigt wurde, zuletzt Environmental Film Festival» in Washington DC.

Jetzt ist «Wätterschmöcker» beim Filmemacher auf DVD erhältlich. Wohlweislich mit Untertitel, denn der Muotathaler Dialekt ist selbst für manchen Schweizer nicht ganz einfach zu verstehen. Ebenso erhältlich: die von den Hujässlern, eine der profiliertesten Schweizer Volksmusikgruppen, eingespielte Filmmusik.">

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Mittwoch, 11. April 2012
Red Baraat - Chaal Baby
Bei der Hochzeit denkt man wohl auch dann nicht an die Kosten der Scheidung, wenn man sich durch einen Ehevertrag abgesichert hat. Dass Red Barat melancholische Untertöne fehlen, ist daher nur zu verständlich. Denn mit seiner Gruppe wollte der indischstämmige Jazzschlagzeuger Sunny Jain die Tradition des Umzugs mit Hochzeitskapelle (Baraat) auch in den USA einführen – vorerst für seine eigene Hochzeit. Denn er wollte nicht wie die anderen US-indischen Hochzeitspaare auf einen DJ oder einen einsamen Dhol-Trommler zurückgreifen. Daraus wurde Red Baraat, bei der Jain mit seiner Dhol … der fassartigen, vor dem Bauch hängenden und mit Stöcken gespielte Trommel – den Rhythmus vorgibt. Den Ton geben bei der achtköpfigen Gruppe die Bläser an.

Und wie im Schmelztiegel New York zu erwarten, beschränken sich die Einflüsse nicht auf Indien. Schon die Besetzung erinnert an die Balkan-Brass-Bands, mit denen Red Baraat durchaus vergleichbar sind. Und die Musik ist zwar durchweg treibend und energiegeladen, aber so komplex, dass sie auch nach der Hochzeit noch mit Genuss gehört werden kann – und nicht nur vom Hochzeitspaar. Denn Sunny Jain hat -- wie er selbst in einem Interview feststellte – mit dieser Besetzung die eierlegende Wollmilchsau gefunden: »Diese Band passt zu den unterschiedlichsten Anlässen und Programmen, von Weltmusik über Jazz und einer Jam-Band bis hin zu Ethno-Festivals.»

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Dienstag, 10. April 2012
Schwarz
Schwarz ist die Farbe, die alle anderen Farben löscht. Schwarz ist Beständigkeit und Dauer.
Ulrike Ottinger, Unter Schnee, Hörspiel

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Dienstag, 13. März 2012
Goetz Steeger - User
Es ist viele Jahre her, als ein Freund – ganz gegen seine Gewohnheit – eine Schallplatte alleine deswegen kaufte, weil ihn das Cover angesprochen hatte. Stephan Sulkes selbst betiteltes Album (1976) hielt, was die Hülle versprach. Auch mich begleiteten diese Lieder viele Jahre lang. Selbst heute noch könnte ich die meisten Lieder seines Debütalbums mitsingen. Heute fällt es mir leichter, Alben bloß auf Verdacht zu ordern. Doch jetzt schmerzt es, auf das Werbegeklingel der Plattenfirmen hereinzufallen und Zeit mit wertloser Musik zu verschwenden. Dafür entschädigen Glücksgriffe wie Goetz Steegers «User» (auf das ich durch den Werbetext und nicht durch das ansprechend gestaltete Cover aufmerksam wurde).

Der Hamburger Musiker zeigt sich als wechselweise witziger und nachdenklicher Poet an der Gitarre, erweist mit stupende Klavierbegleitung der Minimal Music seine Referenz und integriert atonale Passagen genauso wie rockige Santana-Gitarren, Freejazz-Einsprengsel und klassische Elemente. Als ob das nicht beachtlich genug wäre, hat der Multiinstrumentalist das Album im Alleingang eingespielt.

Zudem ist Goetz Steeger ein guter Texter. Lyrisch und humorvoll findet er immer wieder treffende Bilder, für persönliche Empfindungen genauso wie für die treffend beschreibende Kommentierung gesellschaftlicher Phänomene. Exzellent auch seine vertonten Texterzählungen, etwa die so flotte wie amüsante Geschichte «Nordseeinternat Almost Revisited», in der er in klassischer Manier über falsche Vorbilder schreibt und die Kunst, rechtzeitig die Biege zu machen, um sich nicht wie der von der Schule geflogene Klassenkamerad – einst das coole Vorbild – in die Sackgasse zu manövrieren.

Goetz Steeger – der bislang in unbedeutenden Gruppen gespielt, aber auch zwei Alben des kürzlich verstorbenen Liedermachers Franz Josef Degenhardt produziert – knüpft mit seinem ersten, musikalisch äußerst vielschichtig aufbereiteten Solo-Werk an die Tradition der großen deutschsprachigen Chansonniers an. Wird ihn in dreißig Jahren noch jemand erinnern, einschätzen oder gar würdigen wollen?

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